Wenn Journalisten zu Bettlern werden
In der Krise überdenken Medienmanager die Entscheidungen von gestern. Wenn sie Journalismus heute verkaufen wollen, gleicht dies einem Bettelgang.
Titelbilder des Time-Magazins setzen die Themenagenda. «Wie Sie ihre Zeitung retten können», lautete die Schlagzeile der Ausgabe vom 16. Februar. Ein bescheidener Vorschlag, hiess es in der Unterzeile. Grafisch illustriert durch einen in die New York Times eingewickelten Fisch. Walter Issacson, Präsident Aspen Institut und vormals Managing Director des Time Magazins, geht selbstkritisch mit der Entwicklung der Medienbranche zu Gericht: «Wir machten einen Fehler, als wir alles gratis ins Netz stellten!»
Wenn Finanzsysteme wie Kartenhäuser zusammenbrechen, dürfen auch die Wertschöpfungsmodelle der Medienwirtschaft überdacht werden. Die These, im Netz müsse alles gratis erhältlich sein, stellt heute die Finanzierung des Journalismus in Frage. Isaacon rekapituliert die Geschichte des Verhältnisses der Medien und des Internets. Anfang der 90er-Jahre bezahlten die Nutzer noch für die Zeit, die sie im Netz verbrachten. Guter Inhalt war damals wertvoll, denn er verlängerte die Verweildauer im Netz. Dann lockten die Werbemillionen. In der aktuellen Krise müssen die Verleger jedoch realisieren, dass nur die Server- und die Suchmaschinenbetreiber verdienen. In seinem Text schlägt Isaacson das Microbilling für Inhalte vor. Ausgereifte Systeme sollen das Bezahlen der einzelnen gelesenen Artikel ermöglichen.
Der «bescheidene» Vorschlag richtet sich nicht an die Verleger, sondern an die Leserschaft! Diese fast schon unterwürfige Haltung macht den Vorschlag zu einem Bettelgang. Der Zeitpunkt dazu ist allerdings ideal. Wenn täglich eine Bastion der Finanz- und Wirtschaftsmacht fällt, können die Gewissheiten von gestern ohne Gesichtsverlust in Frage gestellt werden. Die dramatische Situation der Zeitungen und der Journalisten in den USA fördert die Kreativität für die Entwicklung von alternativen Produktions- und Finanzierungssystemen. Bittgänge sind eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Banken und die Automobilbranche Milliarden nur noch zwei- und dreistellig erbetteln, dann dürfen die Leser wohl auch um ein paar Cents für die Kollekte zu Gunsten des Journalismus gebeten werden.
Die Replik auf Isaacsons Vorstoss liess natürlich nicht lange auf sich warten. Denjenigen, für die es im Netz nichts Böseres gibt, als für Inhalte bezahlen zu müssen, fällt ausser Häme über die sterbenden Dinosaurier nichts ein. Sie lassen sich mit Vergnügen an die Werbung vermarkten, bezahlen ohne mit der Wimper zu zucken ihren neuesten Computer und die Zugangsgebühren für die Server. Immerhin hat Eric Schmidt, CEO Google, im Januar in einem Interview mit CNNMoney.com seinem Wunsch Ausdruck gegeben, Google könnte die Zeitungen retten. Die Nachfrage für ihre Leistungen sei gross, stellt er fest, ihr Geschäftsmodell funktioniere jedoch nicht mehr. Ganz unbescheiden bemerkt er, Google könnte die Medienunternehmen aufkaufen. Dies würde jedoch das Problem nicht lösen. Deshalb setze Google auf das Prinzip «merge without merging», indem die Websysteme von beiden Seiten integriert würden. Geld direkt in die Medienhäuser zu investieren, kommt für ihn jedoch nicht in Frage. Schmidt: «Wir vermischen Philanthropie nicht mit dem Geschäft. Wir sind im Werbegeschäft!» Immerhin wäre es für Eric Schmidt eine Tragödie, wenn der Journalismus aufgrund der wirtschaftlichen Probleme untergehen würde. Und die Blogger könnten ihn nicht ersetzen: Betteln bei Google bringt der Zeitungsindustrie jedoch nichts. Schmidt: «Google geht mit seinem Geld sorgfältig um. Wir schreiben nur grosse Schecks, wenn wir eine tolle Strategie haben.»
Bleiben für den Bettelgang also noch ein paar finanzkräftige Investoren, die sich vom Abenteuer Medien angezogen fühlen. Ihr Engagement gleicht jedoch den Mäzenen aus früheren Zeiten. In Frankreich greift Präsident Sarkozy den Medien mit einer Reihe von Massnahmen unter die Arme. Er nimmt sie damit gleichzeitig an der Hand. Auch die Leserschaft wird immer weniger über das klassische Tauschgeschäft Leistung gegen einen angemessenen Preis mobilisiert, sondern in Spendenorganisationen für Journalismus. Die Kreativität diesbezüglich ist gross: Das Modell Kachingle ermöglicht beispielsweise die Bezahlung von freiwilligen Beiträgen für Medieninhalte, die gefallen. Allen gemeinsam ist: Der Beitrag ist ein Gnadenakt. Für den Bettelgang muss das Schamgefühl überwunden werden. Dafür darf der Geldgeber mit geschwellter Brust stolz auf seine uneigennützige Hilfsbereitschaft sein.
Soll dies die Zukunft des bezahlten Journalismus sein? Auf der einen Seite die Abhängigkeit von der Gunst der Werbung, auf der anderen Seite von der Gnade der Spender? Und wie wird ein Journalismus aussehen, der sich in eine einseitige Abhängigkeit begibt? So gedacht, bietet das alte Modell der Finanzierung sowohl über den Nutzer- wie auch den Werbemarkt einen interessanten Ausgleich der Kräfte. Für die Werbung werden immer neue Formen und Bezahlsysteme entwickelt. Das sollte eigentlich auch für pub¬lizistische Inhalte möglich sein. Walter Isaacson hat mit seinem bescheidenen Vorschlag das aktuelle Dogma angekratzt, Inhalte im Netz müssten gratis sein. Faire und solide Finanzierungsmodelle sind gefragt! In den letzten Monaten haben wir ja einmal mehr gelernt: Wer den falschen Glücksversprechen folgt und nur auf eine Karte setzt, wird früher oder später zum Bettler!
Wenn Finanzsysteme wie Kartenhäuser zusammenbrechen, dürfen auch die Wertschöpfungsmodelle der Medienwirtschaft überdacht werden. Die These, im Netz müsse alles gratis erhältlich sein, stellt heute die Finanzierung des Journalismus in Frage. Isaacon rekapituliert die Geschichte des Verhältnisses der Medien und des Internets. Anfang der 90er-Jahre bezahlten die Nutzer noch für die Zeit, die sie im Netz verbrachten. Guter Inhalt war damals wertvoll, denn er verlängerte die Verweildauer im Netz. Dann lockten die Werbemillionen. In der aktuellen Krise müssen die Verleger jedoch realisieren, dass nur die Server- und die Suchmaschinenbetreiber verdienen. In seinem Text schlägt Isaacson das Microbilling für Inhalte vor. Ausgereifte Systeme sollen das Bezahlen der einzelnen gelesenen Artikel ermöglichen.
Der «bescheidene» Vorschlag richtet sich nicht an die Verleger, sondern an die Leserschaft! Diese fast schon unterwürfige Haltung macht den Vorschlag zu einem Bettelgang. Der Zeitpunkt dazu ist allerdings ideal. Wenn täglich eine Bastion der Finanz- und Wirtschaftsmacht fällt, können die Gewissheiten von gestern ohne Gesichtsverlust in Frage gestellt werden. Die dramatische Situation der Zeitungen und der Journalisten in den USA fördert die Kreativität für die Entwicklung von alternativen Produktions- und Finanzierungssystemen. Bittgänge sind eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Banken und die Automobilbranche Milliarden nur noch zwei- und dreistellig erbetteln, dann dürfen die Leser wohl auch um ein paar Cents für die Kollekte zu Gunsten des Journalismus gebeten werden.
Die Replik auf Isaacsons Vorstoss liess natürlich nicht lange auf sich warten. Denjenigen, für die es im Netz nichts Böseres gibt, als für Inhalte bezahlen zu müssen, fällt ausser Häme über die sterbenden Dinosaurier nichts ein. Sie lassen sich mit Vergnügen an die Werbung vermarkten, bezahlen ohne mit der Wimper zu zucken ihren neuesten Computer und die Zugangsgebühren für die Server. Immerhin hat Eric Schmidt, CEO Google, im Januar in einem Interview mit CNNMoney.com seinem Wunsch Ausdruck gegeben, Google könnte die Zeitungen retten. Die Nachfrage für ihre Leistungen sei gross, stellt er fest, ihr Geschäftsmodell funktioniere jedoch nicht mehr. Ganz unbescheiden bemerkt er, Google könnte die Medienunternehmen aufkaufen. Dies würde jedoch das Problem nicht lösen. Deshalb setze Google auf das Prinzip «merge without merging», indem die Websysteme von beiden Seiten integriert würden. Geld direkt in die Medienhäuser zu investieren, kommt für ihn jedoch nicht in Frage. Schmidt: «Wir vermischen Philanthropie nicht mit dem Geschäft. Wir sind im Werbegeschäft!» Immerhin wäre es für Eric Schmidt eine Tragödie, wenn der Journalismus aufgrund der wirtschaftlichen Probleme untergehen würde. Und die Blogger könnten ihn nicht ersetzen: Betteln bei Google bringt der Zeitungsindustrie jedoch nichts. Schmidt: «Google geht mit seinem Geld sorgfältig um. Wir schreiben nur grosse Schecks, wenn wir eine tolle Strategie haben.»
Bleiben für den Bettelgang also noch ein paar finanzkräftige Investoren, die sich vom Abenteuer Medien angezogen fühlen. Ihr Engagement gleicht jedoch den Mäzenen aus früheren Zeiten. In Frankreich greift Präsident Sarkozy den Medien mit einer Reihe von Massnahmen unter die Arme. Er nimmt sie damit gleichzeitig an der Hand. Auch die Leserschaft wird immer weniger über das klassische Tauschgeschäft Leistung gegen einen angemessenen Preis mobilisiert, sondern in Spendenorganisationen für Journalismus. Die Kreativität diesbezüglich ist gross: Das Modell Kachingle ermöglicht beispielsweise die Bezahlung von freiwilligen Beiträgen für Medieninhalte, die gefallen. Allen gemeinsam ist: Der Beitrag ist ein Gnadenakt. Für den Bettelgang muss das Schamgefühl überwunden werden. Dafür darf der Geldgeber mit geschwellter Brust stolz auf seine uneigennützige Hilfsbereitschaft sein.
Soll dies die Zukunft des bezahlten Journalismus sein? Auf der einen Seite die Abhängigkeit von der Gunst der Werbung, auf der anderen Seite von der Gnade der Spender? Und wie wird ein Journalismus aussehen, der sich in eine einseitige Abhängigkeit begibt? So gedacht, bietet das alte Modell der Finanzierung sowohl über den Nutzer- wie auch den Werbemarkt einen interessanten Ausgleich der Kräfte. Für die Werbung werden immer neue Formen und Bezahlsysteme entwickelt. Das sollte eigentlich auch für pub¬lizistische Inhalte möglich sein. Walter Isaacson hat mit seinem bescheidenen Vorschlag das aktuelle Dogma angekratzt, Inhalte im Netz müssten gratis sein. Faire und solide Finanzierungsmodelle sind gefragt! In den letzten Monaten haben wir ja einmal mehr gelernt: Wer den falschen Glücksversprechen folgt und nur auf eine Karte setzt, wird früher oder später zum Bettler!
