«Markenführung im Internet ist eine grosse Herausforderung»

«Ein Online-Marketer braucht heute grosses Know-how, um Daten zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen.»
MK Firmen wissen immer mehr über ihre Kunden. Besteht da nicht die Gefahr, dass sie die Kunden abschrecken, indem sie diese Daten zu «offensiv» für Marketingzwecke verwenden?DALLA VECCHIA Die Unternehmen müssen ein Gespür dafür entwickeln. Die meisten Unternehmen nutzen die Daten noch nicht intensiv, obwohl es technisch möglich wäre. Natürlich stellt sich die Frage: Werden wir alle zu Kaufrobotern? Aber die Kunden haben ja ein Ziel, wenn sie auf einer Website surfen, und interessieren sich in der Regel für ein Produkt. Bis zu einem gewissen Grad wird es vom User geschätzt, wenn er Vorschläge erhält, die seinen Bedürfnissen entsprechen. Wird aber eine Grenze überschritten, könnte der Kunde das Gefühl bekommen, er sei «gläsern» und man wolle ihn bevormunden. Schlussendlich liegt es an den Online-Marketern, die vorhandenen Daten verantwortungsvoll zu nutzen.MK Soziale Medien wie Facebook oder Twitter boomen. Trotzdem tun sich viele Unternehmen schwer, diese Netzwerke für Marketingzwecke zu nutzen. Wie sieht eine optimale Social-Media-Präsenz aus?DALLA VECCHIA Soziale Medien sind keine klassischen Verkaufskanäle. Als Unternehmen kann ich mich via Social Media aber mit meiner Kompetenz oder mit spezifischen Services präsentieren. Ich kann Produkte vorstellen, Beispiele bringen, wieso diese Produkte nützlich sind, oderauch zu einem Thema Position beziehen und Kundenfragen beantworten. Es ist wichtig, genau zu definieren, wofür ich als Unternehmen stehe. Diese Grundsätze müssen dann auf Social Media auch gelebt werden. Dann realisiert der Kunde, dass das Unternehmen authentisch ist. Ein Unternehmen wird nur dann greifbar, wenn sichtbar wird, dass dahinter Menschen stehen, die sich mit den Produkten identifizieren.MK Welche Schweizer Firmen beherrschen das Social-Media-Marketing besonders gut?DALLA VECCHIA Ein tolles Beispiel ist «Freitag». Der Taschenhersteller spricht in den sozialen Medien die Sprache seiner Kundinnen und Kunden. Seine Kommentare und Antworten sind originell, vielfältig und nicht konformistisch. Eben genau wie die Taschen, die er verkauft. Auch die Migros und die SBB machen ihre Sache sehr gut. Nivea hat eine eigene Community aufgebaut und vermittelt eine lebendige Markenführung mit Bildern und Beispielen. Das Restaurant Hiltl in Zürich nutzt Twitter und Facebook, um sich von der Konkurrenz abzuheben.MK Durch Social Media und die Möglichkeiten unmittelbaren Feedbacks verlieren Firmen die Kontrolle über die interne und externe Kommunikation. Dies birgt Gefahren.DALLA VECCHIA Das ist so. Es haben ja auch einige Unternehmen negative Erfahrungen gemacht. Beispielsweise geraten deswegen Airlines oder auch die SBB vermehrt unter Druck. Wenn etwas schiefläuft, sind gleich alle da und wissen es besser. Deshalb braucht es ein klares Krisenmanagement. Wie gehe ich mit Kommentaren und Postings um? Wie reagiere ich, wenn ein sogenannter «Troll» bei meinen Inhalten Dampf ablässt? Da gibt es verschiedene Strategien. Social-Media-Manager können das Ganze beobachten und eventuell versuchen, allfällige Probleme bilateral via Telefon oder E-Mail aus dem Weg zu räumen. Insgesamt ist diese neue Art der Kommunikation aber eine Bereicherung. Wir können vom Kunden lernen und mehr auf ihn eingehen.MK Sie führen auf www.dallavecchia.ch einen eigenen Blog. Was ist die Idee dahinter und wann macht es für Firmen Sinn, einen Blog zu haben?DALLA VECCHIA Mithilfe meines Blogs positioniere ich mich mit meinen Themen E-Commerce, Social Media und Online-Marketing. Ich schreibe beispielsweise über aktuelle Studien, unsere Weiterbildungen, Referate oder Messeauftritte.Der Vorteil eines Blogs ist die Aktualität. Wird ein Thema wie beispielsweise «Big Data» aktuell, muss ich nicht meine Website anpassen, sondern kann dies im Blog behandeln. Dies kann auch für Unternehmen interessant sein. So könnte man zum Beispiel bei einem Umbau laufend über die Fortschritte berichten – vorzugsweise begleitet von Bildern und Videos. Man muss allerdings beachten, dass ein Blog viel Arbeit macht und entsprechend Ressourcen braucht!MK Welche Schweizer Firmenblogs finden Sie besonders gelungen?DALLA VECCHIA Es gibt eine ganze Reihe von gelungenen Firmenblogs in der Schweiz. Besonders gelungen sind die, wo es Unternehmen gelingt, sich mit Fachwissen und gut erzählten Geschichten klar zu positionieren, wie SBB Cargo, ABB, Swisscanto, Zühlke und Carpathia. Oder die mit ansprechendem Content punkten, wie Caritas Zürich, Travelhouse, Architekturvermessung HMQ AG oder die Online-Druckerei Printzessin. Eine gute Mischung zwischen Print und Online schafft Raiffeisen mit dem Blog Panorama-Magazin.ch. Viele gute Tipps zum Unternehmensblog findet man auf Blogwerk.ch.
«Besonders gelungen sind Firmenblogs, denen es gelingt, sich mit Fachwissen und gut erzählten Geschichten klar zu positionieren.»
MK Sie sind gemeinsam mit Ihrem Mann bei einem Verlag tätig und geben Bücher heraus. Wie sehen Sie die Zukunft vom Print?DALLA VECCHIA Wenn mich jemand nach dieser Tätigkeit fragt, sage ich immer: Ich mache «altmodische Dinge aus Papier» (lacht). Mittlerweile bieten wir aber auch E-Books an. Ich denke, dass es auch in zehn Jahren noch Printprodukte geben wird. Es gibt immer noch Menschen, die Bücher gerne in der Hand halten.Je nach Gebiet schreitet die Digitalisierung unterschiedlich schnell voran. Junge Medizinstudierende beispielsweise arbeiten bereits oft mit E-Books. Sie können so einfach nach Begriffen suchen, entwickeln neue Ablagetechniken und machen sich anders Notizen. In der Rechtswissenschaft hingegen wird meist noch mit Büchern gearbeitet. Im Sachbuchbereich wird zukünftig die Tendenz wohl eher Richtung E-Book gehen. Aber: Der Mix macht’s. So besteht die Möglichkeit, Bücher mit einem E-Book-Nachschlagewerk zu ergänzen, welches dann häufiger aktualisiert werden kann. Das Druckgewerbe wird nicht verschwinden, aber es wird sich verändern müssen!

