Paul Kemp-Robertson: Zwischen rotem Sofa und Zukunftsvisionen
Kreativität in Zeiten von KI – Paul Kemp-Robertson, Chief Content Officer des Cannes Lions Festivals, spricht mit m&k über neue Formate, menschliche Interventionen und die Macht von Serendipität.
Was bleibt, wenn Cannes verstummt? Vielleicht ein rotes Sofa, das sinnbildlich steht für das, was Maschinen (noch) nicht können: den Moment erkennen. Paul Kemp-Robertson, Chief Content Officer der Lions, sprach im Speed-Interview mit Anna Kohler und Beat Hürlimann von m&k über das neue Selbstverständnis des Festivals, die Rolle der KI und das Format «How to Win in 2030».
Die diesjährige Ausgabe der Cannes Lions 2025 zeigt ein Festival im Umbruch. Nicht nur, weil sich die Definition von Kreativität fundamental wandelt. Sondern auch, weil die Veranstalter einen bewussten Schritt nach vorn wagen: weg von der reinen Werbewelt, hin zu einem erweiterten Business-Kontext.
Kemp-Robertson, so etwas wie das kreative Gedächtnis des Festivals, brachte es auf der Terrasse des Pressezentrums auf den Punkt: «Wir wollen beweisen, dass kreative Ideen nicht nur Marken stärken, sondern Wachstum und EBITDA beeinflussen können.» Deshalb sei ein neues Forum für Führungskräfte eingerichtet worden, das explizit CEOs anspreche – mit klarer Business-Relevanz kreativer Leistungen.
Doch was bedeutet Kreativität heute, wo künstliche Intelligenz zur Co-Autorin geworden ist? «Die Branche befindet sich an der Schwelle zu einer massiven Transformation», so Robertson. KI sei dabei weniger ein Tool als ein Kollaborateur. Die Kunst bestehe darin, die Balance zu halten zwischen maschineller Skalierung und menschlicher Intuition. Oder, wie Robertson es an einem konkreten Beispiel verdeutlichte: Ein viraler Calvin-Klein-Spot zeigte einen Schauspieler auf einem roten Sofa. Doch nicht er war der Star, sondern das Möbelstück. Eine findige Agentur entdeckte dieses Detail, spürte das Sofa auf – und drehte eine neue Kampagne daraus. Ein typischer Fall von Serendipität, meint Kemp-Robertson. Und ein Beweis dafür, dass menschliche Intervention immer noch unschlagbar sein kann.
Diese These wurde auch im diesjährigen Format «How to Win in 2030» hinterfragt. Präsentiert von Alex Jenkins (Contagious), wurden darin Thesen der letzten Jahre auf ihre Aktualität überprüft – mit teils beunruhigendem Resultat. So werde etwa die Aussage «Mensch plus KI schlägt immer KI» zunehmend hinterfragt. Die neue These: Der Mensch kann auch bremsen. Dies als Aufruf, die kreative Eigenleistung nicht zu romantisieren, sondern kritisch weiterzuentwickeln.

