Un programme plutôt qu’un pinceau

S'agit-il de divertissement superficiel ou d'art majeur ? L'IA est capable de créer des images fantastiques, qui sont désormais exposées dans de grands musées. Mais l'être humain reste irremplaçable dans ce domaine.

Illustration: Lorenzo Montalvo
Illustration: Lorenzo Montalvo

Rot, dazu einen Klecks Blau und Gelb – eine solche klassische Aquarellfarbpallete hat für einige Künstler heute ausgedient. Lorenzo Montalvo verwendet Midjourney für die kreative Bildidee. Dazu mischt er Weavy Nano Banana Pro oder ChatGPT Images 2.0. Mit diesen KI-Tools verfeinert er seine Werke, mit Topaz Gigapixel zieht er sie auf ein grosses Format. Für seinen Programm-Mix hat er Gemälde wie «Royal Dessert» und «Glas Woman» kreiert, die schon in mehreren Magazinen abgebildet und in Ausstellungen in der Schweiz und London zu sehen waren. Kunststück? Mantalvo, der hauptberuflich als Creative Technologist & AI Art Director bei TBWA in Zürich arbeitet, bejaht. «Viele glauben, man schreibt einfach einen Prompt und fertig ist das Bild. Das stimmt aber überhaupt nicht», versichert er. «Ein Prompt ist kein Zauberspruch.»

Dass er heute KI-Künstler ist, hat mit dem bekannten Gemälde «Théâtre D’Opéra Spatial», übersetzt mit «Weltraum-Opern-Theater» zu tun. Das Bild zeigt einen Opernsaal mit Blick durch ein grosses, rundes Fenster in eine leuchtende, detailreiche Welt. Vor gut vier Jahren geschaffen, gehört es zu einer der ersten KI-Werke, die einen Kunstpreis erhielten. «Ich dachte: Wenn jemand mit einer KI einen Fine-Art-Wettbewerb gewinnt, muss ich mir das anschauen», sagt Montalvo und begann zu experimentieren. Denn auch seine Werbekundinnen und -kunden wollen ihre Botschaften immer häufiger mit KI erzählen. Meist stellen sie sich das einfach vor – was es nicht ist, so der Grafiker: «Soll ein Bild später gedruckt oder gross eingesetzt werden, muss es immer nachbearbeitet werden.» Montalvo arbeitet dann mit Photoshop oder Lightroom, retuschiert Details, verbessert den Bildbereich oder vergrössert die Auflösung. Bei den Schriften verhält es sich genauso. Sobald ein Kunde eine definierte Corporate Identity oder bestimmte Typografie hat, kann der Grafiker diese Elemente nicht KI-generieren, sondern setzt sie von Hand. Ein grosser Aufwand.

Digitale Kunst: Mehr als ein Prompt

Yu Zhang ist unter den Kennerinnen, die dieses Prozedere kennen – und schätzen. Die in Berlin lebende Kunstsammlerin und Unternehmerin mit chinesischen Wurzeln hat schon einige digitale Werke erworben, darunter auch von Computerkunst-Pionierin Vera Molnár. Es ärgert sie, dass Bilder, die hopplahop mit einem Prompt entstehen, mit digitaler Kunst – zu der auch die künstlich generierte zählt – in einen Topf geworfen werden. Als Beispiel nennt sie Refik Anadol: Die traumähnlichen Installationen des türkisch-amerikanischen Künstlers sind in berühmten Häusern wie im Museum of Modern Art New York, dem Centre Pompidou in Metz oder dem Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe zu sehen. «Anadol arbeitet mit unendlich vielen Datensätzen, um seine abstrakten und immersiven Umgebungen entstehen zu lassen», weiss die Sammlerin.

Wer sich wie Zhang ein solches Bild nach Hause in die eigenen vier Wände holt, erhält einen Datenträger, der nur auf einem hochleistungsfähigen Computer läuft – so gross sind die Datenmengen. «Dahinter steckt ein langer künstlerischer Denkprozess, nicht einfach ein Prompt, der ein Bild erzeugt», erklärt die Kunstkennerin. Das macht für sie auch den Reiz aus. «Mich interessiert vor allem die Idee hinter einem Werk», erklärt sie. «Welche Gedanken beschäftigen den Künstler? Welche Fragen stellt er? Und welchen Einfluss hatte oder hat er auf andere Kunstschaffende?»

Margit Rosen, die im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe die Abteilung Wissen leitet, sieht in dieser Auseinandersetzung die Aufgabe der Werke. «Künstlerische Experimente helfen uns, den Möglichkeitsraum einer Technologie zu verstehen», beschreibt sie. Dabei zeigten sie nicht nur, was technisch möglich ist, sondern auch, welche ästhetischen, sozialen und politischen Konsequenzen damit verbunden sein könnten. «Kunst ist hier weniger Opfer der Technologie als ein Ort, an dem ihre Versprechen und Zumutungen sichtbar werden», betont die Abteilungsleiterin. Ein Prompt allein reicht dafür noch lange nicht.

Im Gegenteil: In der hohen Kunst setzten sich die Macher viel intensiver mit der Technik auseinander, «mit Datensätzen, Modellen, und den ästhetischen und sozialen Effekten dieser Systeme», so Rosen. In ihren Augen verdienen programmierte Kreationen daher auch den gleichen Stellenwert wie handgemachte Kunst. Das kann sie auch begründen: «Als die Fotografie um 1840 öffentlich verfügbar wurde, hat sie die Malerei nicht abgeschafft, nur verändert.» Jedes Genre hat seither andere Aspekte. Und auch die Fähigkeiten änderten sich, über welche Künstlerinnen und Künstler verfügen mussten.

Nicht blosses Handwerk, sondern ein Denkprozess

Solche Disruptionen sorgen bekanntermassen für Unruhe. Bei KI ist es genauso. Kritiker werfen Künstlern wie Refik Anadol vor, seine Werke seien «zu schön» und daher eher seichte Unterhaltung als hohe Kunst. Jason M. Allen, der Urheber von «Théâtre D’Opéra Spatial», wurde von anderen Künstlern sogar vorgeworfen, betrogen zu haben. Interessant: Den Preisrichtern des Kunstwettbewerbs der Colorado State Fair war zunächst nicht bewusst, dass Midjourney im Spiel war. Dennoch blieben sie bei ihrer Entscheidung und erkannten dem KI-Gemäde den Hauptpreis zu. Und der Künstler? Wies jede Schuld von sich. Knapp erklärte er: «Ich habe gewonnen und ich habe keine Regeln gebrochen.»

Beide Werke sind von Lorenzo Montalvo. | Illustration: Lorenzo Montalvo
Beide Werke sind von Lorenzo Montalvo. | Illustration: Lorenzo Montalvo

Warum sollte ein Pinselstrich auch besser als ein Programm sein? «Gute Künstler stellen sich immer wieder selbst infrage und entwickeln sich weiter», argumentiert Zhang. Die Kunstsammlerin verweist auf den kürzlich verstorbenen David Hockney, der auch Faxgeräte oder iPads als Werkzeuge für seine Werke heranzog. Oder Gerhard Richter, der ständig Stile, Materialien und Arbeitsgeräte wechselte, so die Kunstkennerin: «Beide haben immer wieder neue Techniken ausprobiert und ihre eigene Bildsprache weiterentwickelt.» Und beide sahen in ihrem Oeuvre nicht blosses Handwerk, sondern einen Denkprozess.

Während dieser Kreativarbeit kommt es vor, auf bereits existierende Gedanken und Ideen zurückzugreifen. Das blieb auch schon in früheren Blütezeiten der Malerei nicht aus. Genauso wie man sich eben auch in Musik, Text und Design beeinflussen lässt. So arbeiteten Renaissance-Meister wie Rubens oder Raffael in grossen Werkstätten, in denen zahlreiche Assistenten an einem Werk beteiligt waren. Künstler lernten seit jeher, indem sie ihre Vorgänger studierten, kopierten und weiterentwickelten – ein Gedanke, den Kunsthistoriker Ernst Gombrich immer wieder hervorhebt. Kurzum: Ein völlig autonomes Genie gibt es nicht. Umstritten bleibt aber, ob Werke lebender Künstler ohne deren Zustimmung zum Training von KI-Modellen verwendet werden dürfen, und was dies für das Urheberrecht bedeutet.

Grafiker und Künstler Montalvo hat sich hier eine eigene Regel auferlegt. «Für mich persönlich gilt: Ich möchte niemals bewusst den Stil eines bestimmten Künstlers kopieren», beteuert er. Prompts, die lauten «wie im Stil von Walt Disney», kommen für ihn nicht infrage. Bei seinen eigenen Werken setzt er auf maximale Transparenz, und markiert seine Werke als KI-generiert. «Mit dem europäischen AI Act wird diese Kennzeichnung künftig ohnehin wichtiger», findet er. Denn auch wenn die Schweiz nicht zur EU gehört, orientieren sich viele KI-Nutzer an den neuen Regeln, um in Europa nicht anzuecken. Um seine Prompts zu dokumentieren, hat sich Montalvo mit Claude Code ein eigenes System aufgebaut. Nicht nur aus rechtlichen Aspekten, sondern auch, weil er seine Ergebnisse reproduzieren können möchte.

Die Kreativität bleibt menschlich

KI-Werke werden – wie andere Kunst auch – besser, je öfter man sie praktiziert. So sieht es auch Andrea Kaul. Ein Bild auf Knopfdruck zu erzeugen ist eben noch lange keine Kunst. «Die KI kann ja nicht selbst entscheiden, was sie malen soll oder wann ein Bild fertig ist», begründet die Kommunikations- und Kunstexpertin und Gründerin der Plattform Art Breakers. Vor Jahren hatte sie auf der Art Cologne ein Schlüsselerlebnis. Damals stand sie vor einem riesigen Bild aus farbigen Kacheln ohne zu erkennen, was dargestellt war. Erst als sie es fotografierte und das Bild auf ihrem Smartphone komprimiert wurde, erschienen plötzlich Figuren. Ein magischer Moment für Kaul: «Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Kunst manchmal erst durch eine bestimmte Perspektive oder Technik sichtbar wird. Genau solche Ideen faszinieren mich.» Kunst ist eben auch dann erst Kunst, wenn sie emotional berührt.

Manchmal benötigt Montalvo Hunderte Anläufe, bis der Funke plötzlich da ist. Doch während früher jeder neue Entwurf Stunden oder Tage kostete, entsteht heute in Sekunden eine neue Variante. «Ich kann innerhalb kürzester Zeit verschiedene Richtungen ausprobieren, verwerfen und neu kombinieren», freut er sich. Die Kreativität bleibt menschlich – nur ihr Tempo hat sich verändert.

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