"The target market is now global"

INTERVIEW Roman Probst has sold his successful translation company. MK interviewed him about developments in the translation industry that are relevant to marketing professionals.
Roman_Probst
Roman Probst, Gründer der Translation Probst AG.MK Herr Probst, was hat sich in der Übersetzungsbranche entwickelt seit Ihrem Start 2005?ROMAN PROBST Offenheit und Transparenz sind das Fundament unseres Geschäfts. Noch vor einigen Jahren war die Übersetzungsbranche eine eher lokale Angelegenheit, von Mensch zu Mensch. Doch durch die zunehmende Globalisierung und den «Urknall Internet» in den 1990ern wurde die Branche umkämpft wie jede andere. Heute ist die Korrelation von multilingualer Internet-Präsenz, Online-Publikation und Einkommen kaum mehr zu leugnen. So gesehen ist die Übersetzungsbranche klar einer der Hauptprofiteure der globalen Vernetzung und Digitalisierung – mit einem Wachstum von hochgerechnet 42 % zwischen 2010 und 2020.Für das Marketing und die Kommunikation bedeutet das, sich lebhaft für Trends zu interessieren und Innovationen früh zu erkennen, die gebotenen Kommunikationskanäle gezielt zu nutzen und eine effektive Marketingstrategie zu verfolgen, in deren Fokus das Bedürfnis des Individuums stehen muss. Nur so kann die Brand Identity weiterentwickelt werden und auch in das letzte Glied der Wertschöpfungskette einfliessen. Bei der Translation-Probst AG verstehen wir es als unsere Pflicht, die feine Balance zwischen Lokalkolorit und globaler Dynamik beizubehalten.MK Was sind die wichtigsten Innovationen?PROBST Die letzten Jahre haben vor allem eine Professionalisierung und Standardisierung der Dienste gebracht. Ich selbst wollte einfach von Anfang an Qualitätsübersetzungen schnell und einfach verfügbar machen und führte den Online-Preisrechner ein. Dies brachte den Durchbruch und legte den Grundstein, auf dem unser Kundenstamm aufgebaut werden konnte.Eine weitere Innovation war beispielsweise das Partnerschaftsmodel: Dafür wurden wir mit dem KTI-Label des Schweizer Bundes ausgezeichnet.Diese Entwicklungen waren alle Teil einer Industrie, die sich zu einer systematischen Professionalisierung hin wandelte. Diese Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen und bietet allen Marktteilnehmern sowohl Gefahren als auch Chancen.MK Wie können MarKom-Fachleute von den neuen Möglichkeiten in der Branche profitieren?PROBST Der Marketing-Ansatz hat sich sicht- und messbar verändert: Die Reichweite hat sich enorm vergrössert, der Zielmarkt ist nun global. Als Konsequenz reicht die herkömmliche Werbung nicht mehr aus, um die Menschen zu erreichen.Obwohl oder weil sich der Markt enorm vergrössert hat, will der Kunde mit einer persönlichen und auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Kommunikation erreicht werden. Dies klingt zwar paradox, doch wird der unpersonalisierten Werbung heute kein Glauben mehr geschenkt. Dies bedeutet für die Marketing- und Kommunikationsabteilungen, dass nur gut recherchierte, solide Vorbereitung auf die einzelne Zielperson, nicht die Zielgruppe, zum Treffer führt.MK Warum haben Sie als erfolgreicher Unternehmer Ihre Firma verkauft?PROBST Für einen Unternehmer ist es elementar, offen und wachsam nach sinnvollen Synergien und einzigartigen Chancen Ausschau zu halten. Nachdem ich sorgfältig abgewogen hatte, welchen mannigfaltigen Nutzen unsere Kunden durch eine Fusion hätten, und nachdem ich mich mit dem Verwaltungsrat beraten hatte, beschloss ich, diese Chance aus drei Gründen anzunehmen: Bestehende Kunden profitieren von einer ausgedehnteren Expertise, von einem grösseren Netzwerk von Übersetzern und von zusätzlichen Services.Technicis ist der französische Marktführer und einer der Top-Anbieter von Übersetzungen in Europa. Das Unternehmen bietet seine Dienstleistungen nicht nur in Europa, sondern auch in den USA an.Ende März wurden wir von der Technicis-Gruppe kontaktiert – die, wenig überraschend, durch einen Übersetzer auf uns aufmerksam gemacht worden war –, und die Vorteile einer Zusammenarbeit waren nicht zu übersehen. Wie bei uns ist auch bei Technicis Qualität die Hauptantriebsfeder.Der globale Markt wird auf einen Umsatz von $33,5 Milliarden im Jahr 2012 geschätzt, mit einem geschätzten Wachstum auf $37 Milliarden für das Jahr 2018. Dies gibt einen Eindruck auf die Reichweite und das Wachstumspotenzial einer Firma, deren Strategie auf Wachstum ausgelegt ist. Technicis demonstrierte die Fähigkeit, regionale Grenzen zu überwinden und in fremden Märkten Wurzeln zu schlagen.Während der Amtsperiode von Benjamin du Fraysseix, dem CEO der Gruppe, vermochte Technicis seine Sales in nur fünf Jahren zu verdoppeln (2015: EUR 24 Mio., 2014: EUR 17 Mio., 2016: prognostizierte EUR 32 Mio.). Noch sind die USA der grösste Markt für Übersetzungen, gefolgt von Europa und Asien. Technicis geniesst eine glänzende Ausgangsposition: Mit dem asiatischen Markt in Sichtweite kann viel geschehen.MK Was geschieht mit Ihrer Firma? Was davon wird bleiben?PROBST Wir sind überzeugt, dass «Swissness» als lokales Gütesiegel auch im internationalen Markt funktionieren wird. Dieses Gütesiegel muss sich nun in der internationalen Übersetzungsindustrie so etablieren, wie es dies in anderen Sektoren auch getan hat. Die Schweiz hat eine einmalige Geschichte mit mehrsprachiger Diversität und geniesst dank Perfektion und hochqualitativer Präzision grösstes Ansehen.Wenn es nun aber um das Export-Potenzial von «Swissness» im Übersetzungsbereich geht – das steckt noch in den Kinderschuhen. Hier betreten die Translation-Probst AG mit Technicis einen einmaligen Weg. Aus diesem Grund ist die Verwurzelung des Winterthurer Übersetzungsbüros ein wichtiger Vorteil – und mit der soliden Reputation, die sich die Translation-Probst AG (TPAG) erarbeitet hat, werden Kunden den Namen auch weiterhin mit Treffsicherheit und Erfolg assoziieren.MK Welche Vorteile bringen die neuen Besitzer der TPAG?PROBST Grössere Netzwerke von Übersetzern ermöglichen, dass Grossprojekte rentabel durchgeführt werden können. Ausserdem erlaubt uns der vergrösserte Pool an Experten, hochpräzise technische Übersetzungen noch besser auszuführen. Künftig können auch die zahlreich verbliebenen Nischen erforscht und dank sich rapide entwickelnden Technologien bewirtschaftet werden.Stellen Sie sich beispielsweise vor, wie professionelle Dolmetscher aus der Ferne Kunden assistieren können, die mit VR-Technologie ausgerüstet sind! Der dynamische unternehmerische Geist von Technicis ist Garant dafür, dass die Firma weiterhin an vorderster Front der Innovation zu finden sein wird.MK Was ist der Stand der Übersetzungsbranche in der Schweiz und wo sehen Sie künftige Entwicklungen?PROBST Der Schweizer Markt ist noch lange nicht gesättigt. Ich schätze, dass weniger als 20 % der Schweizer KMU von professionellen Übersetzungsdienstleistungen Gebrauch machen.Hier besteht noch immer das tiefsitzende Verständnis, dass Übersetzungen in-house gemacht werden können. Dies ist aus unserer professionellen Sicht eine falsch gesetzte Do-it-yourself-Mentalität. Für Übersetzungsdienstleister ist es elementar, diesen Widerwillen anzusprechen und mit massgeschneiderten Servicepaketen den Kunden einen echten Mehrwert aufzuzeigen.Momentan wird der Schweizer Markt von wenigen Playern dominiert, die dies verstanden haben – es gibt aber genügend Raum und Reichweite für alle, die partizipieren und wachsen wollen. Die Branche wird sich weiterentwickeln, durch verschiedene innovative Technologien wie computerisierte Übersetzungs-Tools, maschinelle Übersetzungen und gratis Online-Angebote.Obwohl diese Technologien den Marktanteil für Übersetzungsfirmen schmälern werden, glauben wir daran, dass man den humanen Anteil nur zu justieren braucht: Die Lösung liegt in der Kooperation von Mensch und Maschine.Computer brauchen noch viele Jahre, bis sie den Teil des menschlichen Verstandes und der Intuition zu imitieren vermögen, den wir in Projekte einbringen. Bis es soweit ist, bleibt die maschinelle Übersetzung ein Mittel zur Produktivitätssteigerung, das den Menschen in keiner Weise ersetzen kann.MK What are your plans for the future?PROBST Nachdem ich meiner offiziellen Funktion in der Firma Ende Monat entbunden bin, werde ich aufbrechen in ein Abenteuer, von dem ich seit Kindesbeinen an träume: eine Weltreise. Die Anzahl an Plätzen und Kulturen, die es wert sind, erforscht zu werden, ist gross.Mindestens so gross ist auch die Zahl an Geschäftsideen und Projekten, zu denen meine unternehmerischen Stärken mich befähigen. Noch ist nichts konkret, aber es wird bestimmt spannend. Ich glaube daran, dass der Sinn des Lebens darin besteht, die grösstmöglichen Erfahrungen zu sammeln und hart für den Nutzen anderer zu arbeiten.Interview: Ruedi Ulmann

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