Blüten & Perlen: Wischiwaschi in nur 5 Minuten!
In ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» zeigt Sarah Pally dieses Mal mit gewohnt spitzer Feder, wie man sich sprachlich elegant vor Verantwortung drückt – und warum Unverbindlichkeit oft mehr über uns verrät, als uns lieb ist.

Verantwortung übernehmen, sich festnageln lassen oder Haltung zeigen sind definitiv aus der Mode. Auch Sie können durch Ihren Sprachgebrauch (mehr oder weniger subtil) verdeutlichen, dass Sie sich gerne drücken und herausreden. Folgen Sie einfach dieser Anleitung, so werden Sie zuverlässig unzuverlässig:
Anleitung zur Unverbindlichkeit
Mit unpersönlichen Subjekten wie «man» oder «wir» verwischen Sie die Verantwortung – elegant wie ein Tintenfisch. Verlassen Sie sich darauf, dass schon klar ist, wer gemeint ist, wenn «man wieder mal den Müll runterbringen sollte»: sicher nicht Sie! Dieser Klassiker wird einfach nie alt und funktioniert immer.
Für etwas mehr Abwechslung beim Verantwortung abschieben sorgen Sie mit Nominalisierungen und Passivkonstruktionen. Auch hier ein alltagsnahes Beispiel aus der wunderbaren Welt des Haushalts: «Das Einkaufen müsste noch geregelt werden». Bähm, zwei Fliegen mit einer Klappe. Und das Modalverb im Konditional setzt sogar noch einen obendrauf. Die Aussage ist klar, indem sie so wunderbar unklar ist: Sie machen erstmal gar nichts und wer das wie genau macht, ist Ihnen ausserdem egal.
Vielleicht, ein bisschen, möglicherweise
Sie geben nicht nur gerne Verantwortung ab, sondern wollen sich auch nicht festnageln lassen? Dann gehören relativierende Begriffe und Modalverben ganz bestimmt zu Ihrem feigen bevorzugten Repertoire: vielleicht, ein bisschen, möglicherweise, kann, muss, soll. Auf all diese Ausdrücke und Konstruktionen kann man sich nicht verlassen – genauso wenig wie auf Sie! Und das Beste: Diese wunderbaren Wörtchen können unkompliziert überall ein bisschen eingestreut werden, greifen Sie einfach zu.
Last but not least muss in Ihren Texten klar werden, dass hier gar nichts klar ist. Verallgemeinern Sie – schliesslich wollen Sie doch nicht in die unangenehme Lage kommen, jemanden direkt zu konfrontieren. Verharmlosen Sie oder beziehen Sie sich mit unklaren Referenzen direkt ins Nichts. «Einige im Team finden die Situation nicht optimal»? So geht unkonkret! Oder greifen Sie zum plumpen aber wirksamen Konditional, denn schon Stromberg wusste: Hätte, hätte, Fahrradkette. So untergraben Sie alles, selbst den letzten Rest Sinnhaftigkeit.
Wieso der ganze Eiertanz?
Klar könnten Sie präzis schreiben, aber Sie wollen nicht. Denn ungenau sein ist ein willkommener Ausweg aus ziemlich Vielem. Zum Beispiel, wenn man in einer Kolumne zwar über die eigene Meinung schreibt, das Wort «ich» aber tunlichst vermeiden will, um doch nicht wirklich über sich selbst zu sprechen.
Die meisten Wischiwaschi-Konstruktionen passieren aber natürlich ungewollt. Kaum jemand überlegt sich beim Schreiben aktiv, wie er oder sie jetzt möglich relativierend, unkonkret oder unpersönlich wirkt. Und somit sprechen sie Bände, denn sie decken die unbewussten Unsicherheiten zuverlässig auf. Wer also unklar schreibt, hat entweder einen guten Grund – oder hat einen guten Grund, weiss das aber nicht.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.
