Marketing-Gespräch zu Krise und Kommunikation: ernstes Thema, schöner Abend
Das vierte Marketing-Gespräch von MK und Werbewoche ist über die Bühne - und war erfolgreich: Vergangene Woche lockten Metadesign-CEO Alexander Haldemann, der ehemalige Spitzenmanager Thomas Middelhoff und der Missbrauchsaufklärer P. Klaus Mertes SJ über 120 Besucherinnen und Besucher ins Kosmos.
Das vierte und letzte Marketing-Gespräch im 2019 war zugleich das mit Abstand erfolgreichste: Dank über 120 Besucherinnen und Besuchern durfte das Team von MK und Werbewoche sich darüber freuen, dass die Eventreihe sich nun in Zürich etabliert hat. Im Gegensatz zu anderen Branchenveranstaltungen sollen die Gäste bei den Marketing-Gesprächen zwar fachlichen Input erhalten, aber vor allem auch inspiriert werden – und danach gemütlich und zwanglos netzwerken.
Zu Beginn der Veranstaltung skizzierte Anna Kohler, die publizistische Leiterin von MK und Werbewoche sowie Gastgeberin des Abends, das durchaus ernste Thema: Es ging um Krisen – und die Möglichkeiten, damit (zum Beispiel via Kommunikation) umzugehen. Also etwas, das jeder aus seinem Berufsalltag, aber wohl auch aus dem Privatleben kennt.

Anna Kohler formulierte zunächst einige eigene Gedanken dazu, wie sich aus Krisen heraus etwas Neues beginnen lässt: «Es gilt Ballast abzuwerfen, Illusionen über Bord zu schmeissen und dann im besten Fall ehrlich, dankbar und mutig die Schritte zu gehen, die es braucht, um vielleicht sogar über sich selbst hinauszuwachsen», so die Publizistin.
Mündige Kunden bedeuteten für Marken deshalb eine Menge Arbeit – denn ihr Feedback könne, öffentlich geäussert, viel Schaden anrichten. Kommunikation in Krisen müsse deswegen primär auf die Wiederherstellung von Vertrauen gerichtet sein. Der Markenkern könne dabei – klug eingesetzt – als eine Art «Anker» dienen, an dem sich Unternehmen festhalten können.
Zum Kamingespräch trafen sich dann zwei Männer, die in den vergangenen Jahren selbst gravierendste Krisen zu durchleben hatten: Der ehemalige Mega-CEO Thomas Middelhoff und P. Klaus Mertes SJ, der Rektor des Jesuitenkollegs St. Blasien und profilierteste Missbrauchsaufklärer Deutschlands.
Thomas Middelhoff hatte ein Leben, von dem die meisten Menschen nur träumen: Als CEO von Bertelsmann und KarstadtQuelle (später Arcandor) verdiente er Millionen, dinierte mit Staatsoberhäuptern und flog im Privatjet um den Globus. Doch dann fiel «Big T», wie Medien und Kollegen ihn nannten, tief: Auf die Pleite von Arcandor folgten Gerichtsprozesse und schliesslich eine dreijährige Haftstrafe wegen Untreue und Steuerhinterziehung. 2017 aus dem Gefängnis entlassen, krempelte er sein Leben radikal um. In seinen Bestsellern «A115 – Der Sturz» und «Schuldig: Vom Scheitern und Wiederaufstehen» geht Middelhoff mit sich selbst hart ins Gericht, macht sein Schicksal auch an der Arroganz und Gier fest, die ihn lange Jahre im Griff hatten.
Hätte er damit gerechnet, einmal zu einem der begehrtesten Referenten für das Thema Scheitern zu werden, wollte Moderator Johannes Hapig von Thomas Middelhoff wissen. Dessen Antwort: «Nein. Und ich hätte es mir auch nicht gewünscht.» Dennoch sei sein Leben, so der frühere Mega-CEO, heute erfüllter und schöner als früher. Er habe Zeit für sich, zum ersten Mal richtige Hobbies und nutze seine Erfahrung, um junge Menschen vor ähnlichen Fehlern zu warnen.

P. Klaus Mertes SJ ist der Direktor des renommierten Jesuitenkollegs und Internats in St. Blasien im Schwarzwald. Bekanntheit erlangte er aber durch die Stelle, die er zuvor innehatte: als Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, wo er 2010 die erste grosse Welle von Aufdeckungen sexuellen und physischen Missbrauchs junger Menschen an kirchlichen (und später auch an nichtkirchlichen) Bildungseinrichtungen in Deutschland auslöste. Während die Zivilgesellschaft und die deutsche Politik Mertes in höchsten Ehren halten, wird er – noch heute, zehn Jahre später – von konservativen Kreisen innerhalb der katholischen Kirche als «Nestbeschmutzer» diskreditiert und gemieden.
Ob er, dessen Krisenkommunikation ihm selbst zahlreiche schwere Opfer abverlangte, alles wieder so machen würde? Mertes antwortete ohne zu Zögern «Ja, natürlich!» und erntete dafür einen langanhaltenden Zwischenapplaus.
Traditionell bei den Marketing-Gesprächen ist mittlerweile auch der musikalische Rahmen, den in der Regel junge, innovative Künstler bilden. Diesmal war es Arthur Henry, mehrfacher Schweizer Meister im Beatboxen.
Mit einem Apéro Riche klang das vierte Marketing-Gespräch schliesslich aus. Die Gäste nutzten die Gelegenheit, um persönlich mit den Referenten zu sprechen; ebenso die Chance, untereinander neue Kontakte zu knüpfen. Und viele waren sich bereits sicher: Für das nächste Marketing-Gespräch im März 2020 sind sie wieder dabei.

