«Wir sind Televisionäre»

Fernsehen Bluewin-CEO Urs Schmidig über sein TV-Projekt, Programm-Packaging und das Ende der Unterbrecherwerbung.

Fernsehen Bluewin-CEO Urs Schmidig über sein TV-Projekt, Programm-Packaging und das Ende der Unterbrecherwerbung.WW Herr Schmidig, ist Bluewin TV gut aus den Startblöcken gekommen?Urs Schmidig Wir liegen mit unserem Trial voll im Zeitplan. Die ersten der total 630 Settopboxen werden dieser Tage an die Testteilnehmer verschickt – eine davon an mich. Die Startblöcke in Ihrer Frage suggerieren, bei dieser Markteinführung handle es sich um einen Sprint. Wir aber rechnen mit einem Marathon und teilen unsere Kräfte entsprechend ein.
Ihr Chef Jens Alder sagte kürzlich, «wir sind Neulinge im TV-Geschäft und werden darum Fehler machen». Ein erster dürfte denn auch bereits der Name sein: Bluewin steht für Internet …
… das ja im Hintergrund auch als Basistechnologie unseres neuen TV-Service fungiert. Was wäre denn die Alternative?
Swisscom-TV. Schliesslich kommen die Kanäle via Telefonkabel in die
gute Stube.
Wir wollen aber nicht den «Schlauch» betonen, über den unser TV-Angebot letztlich zum Kunden gelangt. Unser Marketingfokus liegt klar auf der im Electronic Programm Guide (EPG) und Personal Video Recorder (PVR) gebündelten Interaktivität. Das ist unser zentraler USP. Zudem wissen die meisten Leute, dass wir zu Swisscom gehören.
Bluewin TV versteht sich also als reiner Infrastruktur-Player, der den Satellit- und Kabel-Providern, nicht aber bestehenden Programmveranstaltern Konkurrenz machen will.
Wir sind Infrastruktur- und Service-Player, würde ich sagen. Wir bieten dem Kunden die Möglichkeit, über die Telefonleitung auf eine neue Art und Weise fernzusehen. In diesem Angebot haben die Programmveranstalter eine wichtige Rolle und ebenfalls neue Möglichkeiten, ihre Angebote zu präsentieren.
Ist eine Konzessionserweiterung, wie sie Cablecom für den Infokanal anstrebt, für Bluewin kein Thema?
Wie gesagt, uns ist das Access Providing auch im TV-Business das Wichtigste. Für den Bluewin-EPG sehen wir dabei, ähnlich wie für das Bluewin-Portal im Internet, eine zentrale Funktion. Produktion und Vertrieb von Swisscom-eigenen Contents standen und stehen indes nicht zur Diskussion. Unsere Chance sehen wir vielmehr im intelligenten, das heisst interaktiven Packaging und Bundling der heute verfügbaren Programmvielfalt. Dort wollen wir uns etablieren und auch Geld verdienen…
… schliesslich erwartet Jens Alder auch von seinem – nach Swisscom Broadcast – zweiten TV-Abenteuer irgendwann schwarze Zahlen. Für wann peilen Sie den Break-even an?
Wir starten jetzt mit dem Versuch. Daraus werden wir Erkenntnisse gewinnen, die uns dann erlauben, das Geschäft zu planen und den Case zu rechnen.
Welchen Stellenwert haben Werbeeinnahmen im Business-Plan von Bluewin TV?
Bislang keinen. Werbung ist für uns zurzeit bloss etwas, das wir unseren Lieferanten anbieten, damit die in Form traditioneller Trailer, aber auch interaktiver Links auf gewisse Sendegefässe oder aktuelle Miet-
video-Angebote aufmerksam machen können.
Diese Möglichkeiten zur Eigenwerbung werden Sie wohl kaum gratis anbieten.
In einer ersten Phase geht es darum, das neue Angebot zu fördern. Bevor wir nicht 100000 Kunden haben, sehe ich keine Priorität auf einem kommerziellen Produkt. Wir machen allenfalls mal ein paar Showcases mit möglichen neuen Werbeformen. Denn eine Lektion aus der Internetwerbung haben wir gelernt: Konfrontiere den Markt erst dann mit Werbeangeboten, wenn diese von Agenturen und Auftraggebern auch verstanden werden und, wichtiger noch, wenn dein Service eine kritische Masse von Usern erreicht hat.
Wie ernst nehmen Sie die Ängste der TV-Sender bezüglich der integrierten Werbeüberspringfunktion von Bluewin TV?
Sehr ernst. Was einige unserer Lieferanten fürchten, ist jedoch nicht das «Live-Pause»-Feature unseres Dienstes, sondern die neue Technologie, auf der sie basiert. Die kommt aber sowieso. Nun sind wir die Televisionäre, welche sie im Markt einführen und deshalb auch erst mal verständlich machen müssen. Das so genannte Time Shifting gefährdet zwar potenziell die Unterbrecherwerbung, so wie sie heute praktiziert wird, doch Point-to-
Point-Fernsehen eröffnet auch völlig neue Kommunikationshorizonte. Diese möchten wir gemeinsam mit den Anbietern erst anschauen und dann erschliessen.
Wie sehen diese neuen Optionen aus?Werbung kann beispielsweise segmentorientiert platziert werden oder es können interaktive Elemente in die Spots respektive die Sendungen eingebaut werden. Zudem vergrössert sich dank der Wiederverwertung von Programmen das Potenzial für Inhaltsanbieter ganz grundsätzlich.
Interview:
Oliver Classen

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