«Schnell, aber fehleranfällig»
Donald Trumps Twitter-Tiraden rücken soziale Medien in den Fokus der Medienberichterstattung. Viele Schweizer Medien nutzen Twitter und Facebook als Quellen für Nachrichten - bleiben aber gleichzeitig misstrauisch.

Der US-Präsident verwies jüngst in einer Rede auf einen angeblichen Vorfall in Schweden – obwohl an jenem Abend nichts Bemerkenswertes im Land geschah. Die spöttische Reaktion kam postwendend über Twitter: «Was hat der geraucht?» fragte dort der ehemalige schwedische Aussenminister Carl Bildt.
Eine unterhaltsame Geschichte, die auch in Schweizer Medien aufgenommen wurde. «Solche Aussagen wie von Bildt werden uns von Twitter einfach präsentiert», sagt Thomas Benkö, stellvertretender Chefredaktor von Blick Online und Blick am Abend. Das sei sehr praktisch: «Die sozialen Medien als Ausgangspunkt für Geschichten sind für uns nicht mehr wegzudenken.»
«Ungefiltert aus Trumps Hirn»
Dies gilt insbesondere für Geschichten über den neuen US-Präsidenten. Er twittert «ungefiltert aus seinem Hirn», wie Benkö es formuliert. «Trump ist der wohl mächtigste Mensch, der so direkt kommuniziert», sagt auch Marcel Zulauf, Blattmacher und Mitglied der Chefredaktion von 20 Minuten. «Darum haben seine Tweets für uns Gewicht.»
Trotzdem: Wenn Trump einen Tweet absetze, lasse nicht gleich die ganze Redaktion «die Bleistifte fallen». Es komme auf den Inhalt und die Reaktionen an, ob 20 Minuten eine Geschichte aus einem Tweet vom neuen US-Präsidenten mache. Das gleiche gilt auch für die Blick-Medien, die Neue Zürcher Zeitung und den Tages Anzeiger.
Die Aufgabe der Medien sei, die Botschaften Trumps zu entschlüsseln, sagt Bernard Rappaz, Chefredaktor Nachrichten beim Westschweizer Radio und Fernsehen RTS.
Aus Trumps Tweet-Flut ergibt sich für Rappaz ein grundsätzliches Problem: Sind die Äusserungen eine offizielle Position der US-Verwaltung oder ein spontaner persönlicher Kommentar? Eine definitive Antwort darauf gebe es nicht. Journalisten müssten vorsichtig sein und von Fall zu Fall entscheiden, wie sie die Tweets bewerten.
Informationen immer überprüfen
Für Iwan Städler, Redaktionsleiter des Tages-Anzeigers, gilt bei Social Media wie bei anderen Quellen auch: Es müsse überprüft werden, woher eine Information komme und ob diese stimme.
Auf Twitter erscheinen Informationen sehr schnell – aber der Kanal ist auch sehr fehleranfällig, sagt Zulauf von 20 Minuten. Er sei bei Social Media als Quelle sehr misstrauisch. Eine Information von Twitter oder Facebook könne als Ausgangslage für eine Geschichte dienen, es brauche jedoch immer mindestens die Bestätigung einer zweiten Quelle. Auch Benkö vom Blick sagt: Die verbreiteten Informationen müssten überprüfbar und die Quelle klar sein.
Etwas anders sieht es laut Zulauf aus, wenn eine Behörde zu einem aktuellen Anlass twittere. Die Polizei von München etwa habe beim Amoklauf im vergangenen Jahr sehr rasch über Twitter kommuniziert. Hier sieht Zulauf Twitter sowohl für Behörden als auch Journalisten als Bereicherung.
«Es geht immer um den Inhalt, weniger um die Form», sagt Städler vom Tages Anzeiger. «Ob ein Politiker seinen Rücktritt über Twitter, in einer Rede oder mit einer Medienmitteilung bekannt gibt, spielt keine Rolle», gibt er als Beispiel an.
Auch aus dem Auslandressort der NZZ heisst es, Tweets seien je nach Kontext nicht geringer zu gewichten als offizielle Communiqués. Dies treffe bei Trump eher noch stärker zu als bei anderen Politikern.
Kaum spezifische Regeln
Spezifische Regeln zum Umgang mit Informationen aus sozialen Medien haben nur wenige befragte Medien erlassen. Dazu gehört 20 Minuten; die Mitarbeiter der Gratiszeitung werden dahingehend geschult und sensibilisiert. Die NZZ führt regelmässig Schulungen zum Thema durch und hat interne Social-Media-Richtlinien.
Die Nachrichtenagentur SDA hat ihr Handbuch ebenfalls mit Angaben zum Umgang mit sozialen Medien ergänzt. Die Grundprinzipien bleiben – wie bei anderen Medien auch – die Bestätigung einer Information und die Verifizierung der Quelle. Werden die Informationen aus zuverlässiger Quelle bestätigt, so können Tweets oder Facebook-Posts auch für die Agentur Ausgangspunkt für eine Recherche sein. (Nadja Sutter und Alain Meyer, SDA)
