Mit neuem Rhythmus in die Zukunft

Wirtschaftspresse Bilanz und Bilan stellen zwar gleichzeitig auf 14-tägliches Erscheinen um, sonst aber packen sie ihre Zukunft völlig verschieden an.

Wirtschaftspresse Bilanz und Bilan stellen zwar gleichzeitig auf 14-tägliches Erscheinen um, sonst aber packen sie ihre Zukunft völlig verschieden an.
Die Wirtschaftsmagazine Bilan (Edipresse) und Bilanz (Jean Frey) haben ein gemeinsames Problem: Da Anzeigen immer kurzfristiger gebucht werden, fallen sie als Monatstitel wegen der langen Vorlaufzeiten bei den Kunden häufig unter den Tisch. Da zudem viele Kampagnen zeitlich konzentrierter geschaltet werden, können die Monatsmagazine oft nur einmal berücksichtigt werden – wenn überhaupt. Théo Bouchat, bei Edipresse unter anderem zuständig für die Zeitschriften, sagt es so: «Unsere Werbekunden bestätigen zwar, dass sie Westschweizer Kaderleute am besten mit Bilan erreichen, aber sie halten sich doch zurück, weil sie mit unserem Magazin in der gewünschten Zeit keinen genügenden Werbedruck erzeugen können.» Diese Botschaft vernahm man auch in Zürich. Bilanz-Chefredaktor René Lüchinger weiss: «Unsere Erscheinungsweise ist nicht mehr kompatibel mit dem Buchungsrhythmus unserer Inserenten. Deshalb erhöhen wir nun die Kadenz auf 22 Ausgaben pro Jahr und werden so eine valable Alternative zur Wochenpresse.»Doch mit diesem Problem und dem gleichzeitigen Wechsel zum
14-täglichen Rhythmus ist das Gemeinsame der beiden Wirtschaftsmagazine bereits erschöpft, zu unterschiedlich sind im Übrigen ihre Situationen. So steht Bilan mit dem neuen Rhythmus in der Romandie nun allein da, die Bilanz hingegen reiht sich ein in eine Tradition, die beim Beobachter und einigen Frauentiteln Usus ist. Auch die Ausgangslagen differieren: Die Bilanz hat in den letzten Jahren kräftig Auflage, Leser und Inserate eingebüsst, schreibt allerdings gemäss Lüchinger deutlich schwarze Zahlen und komme auf eine Umsatzrendite von gut fünf Prozent. Insgesamt besser aufgestellt ist das Westschweizer Pendant, das lediglich etwas im konjunkturellen Gegenwind schwankt und letztes Jahr gegenüber 2003 sogar wieder mehr Werbeumsatz erzielte. «Bilan war immer Gewinn bringend, und zwar im zweistelligen Prozentbereich», hebt Bouchat hervor.
Unterschiedlich sind auch die jeweiligen Konkurrenzumfelder: Die Bilanz steht gemäss Lüchinger in einem «Verdrängungskampf» mit mehreren ähnlich gelagerten Schweizer Titeln, Bilan hingegen sieht sich mit Agefi, Le Temps und vor allem mit der französischen Wirtschaftspresse konfrontiert. Die Zukunft packen die beiden Magazine denn auch gegensätzlich an. Die Bilan führt einen veritablen Relaunch durch und hat dafür den Zeitungsdesigner Dominique Roynette, Ex-AD von Le Monde, engagiert. Das Neukonzept enthält drei Teile: La quinzaine/Actualité, Enjeux/Enquêtes und Carrières/Argent. Wesentlicher ist aber, dass sich bei Bilan auch der redaktionelle Geist ändert. «Wir wollen mehr hinterfragen als bloss fragen und auch die Political Correctness anpicken», sagt er.
Anleihen bei der WeltwocheWas das heisst, erklärt Bouchat so: Wenn etwa Christoph Blocher von dreissig Prozent zu viel Bundesbeamten spreche, würde Bilan allen Buhrufen zum Trotz die Fakten zusammentragen, aufzeigen, wer unter einem Beamtenabbau leiden und wer davon profitieren und wie sich ein Abbau auf Pendenzen, Arbeitslosenkasse und Steuern auswirken würde. «Wir wollen künftig unkonventionelle Ideen unvoreingenommen und genau anschauen», sagt Bouchat und verweist auf die Weltwoche. «Sie arbeitet bereits in diesem Geist, ist aber zu ideologisch geworden», sagt er.
Bei der Bilanz erfolgt anders als bei Bilan kein Richtungswechsel. Nicht einmal eine Layoutauffrischung. «Insgesamt verändern wir wenig, wir entwickeln die Bilanz lediglich organisch weiter», sagt Lüchinger. Der Hintergrund: Als Lüchinger vor einem Jahr zur Bilanz kam, foutierte er sich um den Relaunch, den sein Vorgänger Medard Meier noch im Frühjahr 2003 veranlasst hatte. Er liess die Front erneut umgestalten und verpasste dem Heft ein einfaches, aber unverwechselbares Äusseres mit immer gleichem weissem Rahmen ums Titelbild. Zudem strich er von den maximal 14 jährlichen Bilanz-Specials sieben unrentable. Somit brachte die Bilanz im letzten Jahr noch insgesamt 19 Hefte heraus. Den Kadenzwechsel zu nunmehr 22 Ausgaben sieht er deshalb als logische Fortsetzung dieses Umbaus: Künftig verzichtet die Bilanz ganz auf Specials, integriert diese aber mit thematischen Schwerpunkten im neu 14-täglich erscheinenden Magazin.
Rückkehr zur KontinuitätDie Line Extensions hätten dem Hauptheft mehr geschadet als genützt, erklärt die neue Verlagsleiterin Sandra Geiger. «Die Marke Bilanz wurde in den letzten Jahren stark vernachlässigt und verwässert, wir müssen sie wieder mehr pflegen.» Nach dem turbulenten Besitzerwechsel vor drei Jahren und den Wechseln in Redaktion und Verlag müsse jetzt wieder Ruhe und Kontinuität ins Produkt gebracht werden, meint sie.
Die Umstellung ist bei der Bilanz mit grossen Zielen verbunden. «Wir müssen bei den Frauen und im jüngeren Segment bei den Personen ab 30 zulegen», sagt Geiger. Die verkaufte Auflage möchte sie mittel-fristig von 34213 Exemplaren (Zwischenbeglaubigung) auf 44000
steigern. Dass die Bilanz künftig kaum mehr zehn Leser pro Exemplar ausweisen wird, nimmt sie in Kauf. Geiger: «Wir müssen das sogar brechen, denn das ist ein enormes Klumpenrisiko.»
Auch bei Edipresse erhofft man sich mehr Schub für Bilan. Bouchat rechnet innert eineinhalb Jahren mit einem Zuwachs von 20000 auf 150000 Leser. Vorsichtiger ist er punkto Werbeumsatz. «Ich erwarte jedenfalls keine Verdoppelung», sagt er nur.
Nebenprodukte: Unterschiedliche StrategienDer «Bilanz Business Talk» auf Presse-TV sei zwar im Sinne einer starken Präsenz der Marke ein wichtiger Kanal, für die Leserbindung sei jedoch die Hörbilanz höher zu werten, sagt René Lüchinger. Die CD mit gesprochenen Bilanztexten will Sandra
Geiger denn auch weiterführen, vorerst elfmal pro Jahr wie bisher. Neu lässt sich zudem auf der Website ein E-Paper herunterladen, doch es ist wie die meisten Webangebote für Nichtabonnenten kostenpflichtig.
An einen Ausbau der Line Extension denkt – im Gegensatz zur Bilanz – Théo Bouchat bei Bilan. Die vier Supplements pro Jahr, unter anderem zu Uhren
und Luxus, behält er jedenfalls bei und schliesst weitere nicht aus. Die wöchentlichen Bilan-Radiosendungen auf dem Genfer Radio Lac möchte er weiteren Westschweizer Privatsendern schmackhaft machen. Und der monatliche Fernsehauftritt von Bilan beim Waadtländer TVRL soll künftig 14-täglich ausgestrahlt werden. (mk)
Happige InvestitionenUm den neuen Rhythmus zu bewältigen, wird die Bilan-Redaktion auf zehn Personen verdoppelt, Chefredaktor bleibt Olivier Toublan. Der Einzelverkaufspreis sinkt von 11 auf 6 Franken, der Abopreis wird um elf auf 110 Franken erhöht. Die Relaunch-Kommunikation erfolgt mittels Plakat und Anzeigen, gestaltet von der Agentur C‘est un scandale. Bei den Anzeigenpreisen bleibt alles beim Alten.
Die Bilanz-Redaktion wird nur moderat ausgebaut, und sie kann weiterhin von der deutschen Wirtschaftswoche und neu auch von der New Yorker Fortune Texte exklusiv adaptieren. Der Einzelverkaufspreis wird von 12 auf 8 Franken reduziert, der Abopreis steigt leicht auf 140 Franken, der Anzeigenpreis hingegen wird um 2400 Franken auf 15900 Franken gesenkt. Die Anzeigenkampagne zur Umstellung wurde von der Agentur Bolt Rohner gestaltet.
Der Kadenzwechsel kommt für Bilan einem finanziellen Kraftakt gleich: «Wegen der Mehrkosten für den Relaunch (Papier, Redaktion und Vertrieb) verschlechtert sich das Betriebsbudget zwar vorübergehend, danach wird es aber besser aussehen als bisher», ist Bouchat überzeugt. Bei der Bilanz fallen die Mehrkosten für die Umstellung wegen der vielen bisherigen Specials geringer aus, das Budget sieht aber dennoch 20 Prozent für Investitionen vor. (mk)
Taktische Unterschiede: Bilanz setzt auf Konstanz im Auftritt, die Bilan gönnt sich ein Redesign.
Bilanz-Leserschaft verjüngen: Sandra Geiger und René Lüchinger.
Markus Knöpfli

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