Konvergenz: Unmut auf der Tagi-Redaktion
Die Zusammenlegung von Print und Online beim Tages-Anzeiger hat zu Unmut auf der Redaktion geführt: 121 Mitarbeitende haben ein Protestschreiben unterzeichnet. Die Chefredaktion will nun Entlastungsmöglichkeiten prüfen.
«Wir möchten unsere Arbeit machen» ist das fünfseitige Protestschreiben betitelt, dessen erste Seite am Donnerstag auf Twitter veröffentlicht wurde. Die Stimmung auf der Redaktion sei häufig bedrückt oder gereizt, manche klagten über eine Arbeitsbelastung «weit über das korrekte Mass hinaus». Die Redaktion stellt sich aber nicht grundsätzlich gegen die Konvergenz: Im Schreiben wird die Zusammenlegung «als gute Sache» bezeichnet. Die Konvergenz habe die Kolleginnen und Kollegen zusammengebracht, aber sie habe kein Gefühl des Aufbruchs vermittelt. 121 Print- und Onlinejournalistinnen und -journalisten, Mitarbeitende der Bildabteilung und Korrektoren unterzeichneten das Protestschreiben, wie es auf Anfrage bei der Redaktion hiess. Das Schreiben war von der sogenannten «Gruppe 200» aus der Redaktion verfasst worden.
Zwei Arbeitsgruppen eingesetzt
Das Protestschreiben war am Mittwoch der Chefredaktion übergeben worden. Diese will das Schreiben ernst nehmen, wie Tages-Anzeiger-Chefredaktor Res Strehle am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA Berichte von Persoenlich.com und der Südostschweiz bestätigte. Die Chefredaktion habe gewusst, dass die Konvergenz ein schwieriger Prozess mit viel Neuem sei. Die Chefredaktion will nun schauen, wie die Stellen mit hoher Belastung entlastet werden können. Dafür wurden zwei Arbeitsgruppen eingesetzt. Gemäss Strehle herrscht im Redaktionsalltag aber meist eine gute Stimmung. Gemäss Strehle ist das Ziel, dass die zusammengelegte Redaktion bis im Frühling 2014 gut aufgestellt ist. Dann will Tamedia auf den Newsportalen Tages-Anzeiger und Der Bund ein Bezahlmodell einführen.
Impressum und Syndicom begrüssen den Vorstoss
Impressum begrüsst den Vorstoss der Tagi-Redaktion in einer Mitteilung vom Donnerstang. Der Journalistenverband kritisiert unter anderem, dass die Redaktion immer mehr Aufgaben übernehmen müsse, ohne mit entsprechendem Personal ausgestattet zu werden. Das Modell, dass mit gleich vielen Ressourcen dank Konvergenz und Kooperation viel mehr gemacht werden könne, gehe nur auf dem Reissbrett so auf, wie die Geschäftsleitung von Tamedia sich das wünscht. Es sei an der Zeit, dass die Geschäftsleitung zugebe, dass mit weniger nicht mehr gemacht werden könne. Dies müsse auch den Hauptaktionären klargemacht werden. Tamedia müsse endlich die Konsequenzen daraus zieht – auch hinsichtlich der Renditeziele.
Auch die Gewerkschaft Syndicom zeigt sich in einer Mitteilung erfeut über die Initiative. Damit engagiere sich ein grosser Teil der Redaktion mit begründeter Kritik und ernsthaften Vorschlägen für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der Abläufe, die Ausrichtung und die Qualität der Publikationen, für die sie mit Herzblut arbeiten. Syndicom sieht in der von der Redaktion kritisierten Situation die Spuren der Sparpolitik von Tamedia und hofft, dass die Anliegen der Mitarbeitenden bei den Tamedia-Besitzern auf ein offenes Ohr stossen. Syndicom sichert der Redaktion ihre Unterstützung beim Erreichen ihrer Ziele zu, denn Arbeitsbedingungen und Qualität dürften nicht den Gewinnzielen der Aktionäre untergeordnet werden. (SDA/PD/hae)
Der Brief in voller Länge: (Quelle: Impressum, auch unter diesem Link (PDF))





