Hildebrand: «Das politische Erdbeben 2016 war ein gewaltiger Warnschuss»
Bei kaum einem anderen Schweizer Anlass mischen sich so viele Medien- und Werbeleute mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und öffentlichem Leben wie beim alljährlichen Tagi-Meeting im Zürcher Schiffbau. Auch Finanzexperten waren am Dienstag etliche anzutreffen, schliesslich stand als Keynote-Speaker Philipp Hildebrand auf der Bühne, ehemaliger Chef der Schweizerischen Nationalbank SNB, der vor fünf Jahren seine Teilnahme aus bekannten Gründen absagen musste.

Nachdem Tagi-Verleger Pietro Supino in seiner Begrüssung die Förderung der Medienkompetenz als Gegengewicht gegen Postfaktisches und alternative Fakten gefordert und die Wichtigkeit professioneller Berichterstattung wider jegliche Form von Propaganda herausgestrichen hatte, skizzierte Hildebrand die aktuelle Situation in den USA. Seit dem Start der Präsidentschaft Bill Clintons 1993 seien 25 Millionen Amerikaner aus der Mittelklasse herausgefallen – während auf den Finanzmärkten enorme Gewinne erwirtschaftet wurden.


Sozialer Sprengstoff in der Mittelschicht
Der Verlierer der Globalisierung in den USA ist damit die weisse Mittelschicht der unteren und mittleren Einkommensklassen. Die immer rasanter fortschreitende technologische Entwicklung beraube diese Menschen zudem ihrer Hoffnung, dass es für sie wieder einen Aufschwung gebe, so Hildebrand. Denn während 1980 noch 85 Arbeitsplätze zur Erwirtschaftung von 1 Million US Dollar gebraucht wurden, seien heute noch 5 Arbeitsplätze für die gleiche Wertschöpfung nötig. Die USA sitzen damit auf einer tickenden Zeitbombe. Und mit ihr die ganze Welt.
Das Werkzeug, um diesen Knoten zu zerschlagen, sei «inklusives Wachstum», für das die Schweiz ein Paradebeispiel sei, betonte Hildebrand. Auch diese müsse schauen, dass sie ihre gute Position nicht verspiele. Vor allem müssten Vertreter von Wissenschaft, Medien, Politik und Geldwirtschaft den Mut aufbringen, die Wahrheit zu sagen. Das gilt ganz besonders in einer Zeit, in der Begriffe wie «postfaktisch» und «alternative Fakten» mehr Amüsement hervorrufen, als die eigentlich nötige Empörung und Reaktion.
Nur Wachstumspolitik, die auf die Steigerung der Produktivität ziele, könne für die Schweiz eine ähnliche Entwicklung wie in den USA auf Dauer verhindern, betonte Hildebrand. Das politische Erdbeben, durch das die Welt 2016 erschüttert worden sei, sei ein gewaltiger Warnschuss, auf den wir umgehend reagieren müssten, warnte Hildebrand abschliessend eindringlich.











Fotos und Bericht: Anne-Friederike Heinrich
