Drei Ohrfeigen für Martin Kall

Zeitungen Mit dem Einstieg beim Zürcher Oberländer gelang der NZZ ein Geniestreich: Denn Tamedia hat dort auch eine Beteiligung. Doch die NZZ hat mehr zu sagen.

Zeitungen Mit dem Einstieg beim Zürcher Oberländer gelang der NZZ ein Geniestreich: Denn Tamedia hat dort auch eine Beteiligung. Doch die NZZ hat mehr zu sagen.Als NZZ und PubliGroupe vor einem halben Jahr den geplanten NZZ-Einstieg bei der Zürichsee-Zeitung und beim Zürcher Unterländer kommunizierten, soll Tamedia-CEO Martin Kall sehr wütend geworden sein. Falls dem tatsächlich so war, dann muss Kall jetzt über den neuesten Coup der NZZ-Tochter Freie Presse Holding (FPH) noch mehr in Rage gekommen sein. Denn dass die FPH 37 Prozent an den Zürcher Oberland Medien (ZOM) übernimmt, kommt einer eigentlichen Demütigung von Tamedia gleich. In doppelter Hinsicht. Doch dafür ist ein kurzer geschichtlicher Rückblick nötig.Mitte der Achtzigerjahre übernahm Tamedia (damals noch unter altem Namen) die Mehrheit beim Anzeiger von Uster (AvU), es gelang ihr aber nie, den Titel aus den roten Zahlen zu bringen. Noch schwieriger wurde es, als der seit 1852 bestehende Zürcher Oberländer (ZO) von Wetzikon aus in Uster aktiv wurde und dort immer mehr Marktanteile gewann.
Das Blatt wendete sich erst, als 1996 Tamedia ihre Regionalzeitung in andere, erfahrenere Hände legte, indem sie die ZOM mit ihrem regionalen Know-how ins Boot holte. Die ZOM hält seither beim AvU 76 Prozent und sämtliche Verlagsrechte, integrierte ihn als Kopfblatt in den ZO und übernahm auch die Führung, während sich Tamedia mit einem Anteil von 10 Prozent ins zweite Glied zurückzog. Die restlichen Aktien teilen sich etwa 40 Kleinaktionäre. Tamedias Einfluss reduzierte man damals auf ein Verwaltungsratsmitglied «ohne Zeichnungsberechtigung», wie es im Handelsregister heisst. Seit August 2003 ist dies Martin Kall selbst. Dass der Tamedia-CEO persönlich im AvU-VR Einsitz nahm, zeigt den hohen Stellenwert, den er der Kooperation mit dieser Landzeitung beimass. Michel Favre, Kalls Vorgänger als Tamedia-CEO, hatte sich noch von Patrick Eberle vertreten lassen.
Dass nun die NZZ-Tochter FPH fast 40 Prozent bei der AvU-Mutter ZOM übernimmt und damit auch beim AvU mehr zu sagen hat als Tamedia, ist als Ohrfeige für Kall zu werten. Immerhin bleibt ihm eine zusätzliche Demütigung erspart: Er wird im AvU-VR keinem NZZ-Vertreter begegnen, denn die FPH erhält gemäss ZOM-Geschäftsleiter Peter Edelmann zwar einen VR-Sitz bei ZOM, nicht aber beim AvU. Doch das dürfte für Kall bloss ein schwacher Trost sein.
Kommt dazu, dass man sich bei der ZOM nun keineswegs vor einem drohenden Tagi-Split fürchtet. «Wir zollen der möglichen Konkurrenz zwar Respekt und wappnen uns, indem wir am Produkt arbeiten, auf Herbst einen Relaunch planen und die regionale Berichterstattung noch ausdehnen», sagt Edelmann. Gleichzeitig aber verweist er selbstbewusst auf die AvU-Geschichte. «Tamedia war ja schon einmal ohne Erfolg in unserer Region tätig», sagt er – die zweite Ohrfeige.
Warum aber zieht ZOM die NZZ der langjährigen Partnerin Tamedia vor? Edelmann: «Den Zusagen der NZZ, die Regionalzeitungen selbstständig zu lassen, trauen wir mehr.» Kall habe man im AvU-VR zwar als «Freund des Hauses» kennen gelernt, «aber die unterschiedlichen politischen Ausrichtungen der ZO- und Tagi-Redaktionen verunmöglichten das Zusammengehen», sagt der ZOM-Geschäftsleiter.
Klatsch – auch die dritte Ohrfeige sitzt.
Beim Anzeiger von Uster reüssierte Tamedia nicht – heute ist er unter Oberländer Kontrolle.
Markus Knöpfli

More articles on the topic