Der Markt verlangt mehr Grösse

Lokal-TV Das RTVG und der Deutschschweizer Vermarkter Radiotele wirbeln in der Westschweiz die Privat-TV-Szene auf.

Lokal-TV Das RTVG und der Deutschschweizer Vermarkter Radiotele wirbeln in der Westschweiz die Privat-TV-Szene auf.In der Westschweiz präsentiert sich die Privat-TV-Szene noch individueller als in der Deutschschweiz. Das hat historische Wurzeln. «In der Romandie sind die Sender nicht verlagsabhängig, sondern haben meist breit abgestützte Trägerschaften mit mehreren 100 Einzelaktionären», erklärt Pierre André Léchot, Direktor bei Canal Alpha. Diese Verankerung in der Bevölkerung habe aber auch dazu geführt, dass die Stationen primär ihr eigenes Gärtchen pflegen und noch wenig zusammenarbeiten. Zwar existieren diverse TV-Pools, eine Kooperation wie das Tele-NewsCombi (TNC) kam bisher aber nicht zu Stande. Zu unterschiedlich sind die Programmraster, zu kleinräumig viele Sendegebiete und zu tief die meisten Fallzahlen von Telecontrol.
Doch nach Jahren der Starre kommt nun doch Bewegung in die Szene – auf mehreren Ebenen. Die Gründe sind politischer und wirtschaftlicher Natur. Da ist zunächst das RTVG, das gemäss derzeitigem Beratungsstand künftig nur rund ein Dutzend gebührenberechtigter Lokalstationen in der ganzen Schweiz vorsieht. Schon jetzt steht fest, dass beispielsweise im Kanton Waadt, wo heute insgesamt fünf Sender und Senderchen existieren, nur eine Station am Gebührensplitting teilhaben wird. Seit einiger Zeit laufen deshalb Kooperationsgespräche zwischen dem Lausanner TVRL, Ici TV (Vevey) und Canal Nord Vaudois (Yverdon), die gemäss TVRL-Direktor Jean-Pierre Pastori durchaus auf eine Fusion hinauslaufen könnten.
Noch ist aber kein Konzessionsgesuch für das Projekt gestellt. «Wir warten damit, bis das RTVG vom Parlament definitiv verabschiedet ist. Denn wir möchten das Projekt möglichst optimal nach dem neuen Gesetz ausrichten.»
Enttäuscht von Force PromotionNoch etwas hat Bewegung in die Szene gebracht: Dem Vernehmen nach sind mehrere Sender unzufrieden mit den Leistungen des TV-Vermarkters Force Promotion in Lausanne, der für diverse Sender und Kombis arbeitet und mit Léman Bleu und TVRL Exklusivverträge hat. «Wir sind vom
Umsatz, den uns FP letztes Jahr gebracht hat, sehr enttäuscht», sagt TVRL-Chef Pastori, dessen Exklusivvertrag mit FP noch drei Jahre läuft.
Bei Léman Bleu läuft der Vertrag schon Ende Jahr aus. Ob es zu einer Vertragserneuerung kommt, ist fraglich. Dem Vernehmen nach soll Léman Bleu sogar schon einen Agenturwechsel beschlossen haben. Ob dem so ist, bleibt offen, Direktor Antoni Mayer war nicht erreichbar, und Daniel Berset, der einzige FP-Verwaltungsrat, bestätigt bloss, dass die Vertragsverhandlungen noch nicht abgeschlossen seien.
Stellt sich die Frage, zu welcher Agentur Léman Bleu wechseln könnte. Etwa zu Radiotele? Geschäftsführer Bruno Oetterli fackelt nicht lange: «Selbstverständlich haben wir uns beworben. Wir wissen, dass Léman Bleu nicht ganz zufrieden ist. Und weil sie wissen, dass ihr Hauptumsatz von uns kommt, überlegen sie sich natürlich, ob sie dies nicht direkter haben könnten.»
Auch in anderer Hinsicht rüttelt Radiotele den Westschweizer Markt auf: Nach mehreren versandeten Vorstössen hat der Vermarkter letztes Jahr den versammelten Privat-TVs das Konzept für ein Romandie News Combi (RNC) vorgestellt. Diesmal kam aber eine breitere Diskussion in Gang, wie mehrere TV-Vertreter bestätigen. «Sie haben auch gesehen, dass es in der Deutschschweiz tatsächlich funktioniert», sagt Oetterli.
Dennoch wird das Etablieren eines RNC nicht einfach werden, denn dafür braucht es Sendegebiete, die genügend hohe Fallzahlen für Telecontrol hergeben. Und einheitliche Programmraster.
Von beidem ist man aber weit entfernt. Einige Sender haben einstündige Programmschlaufen, bei andern dauern sie zwei Stunden. Oetterli macht sich denn auch keine Illusionen. «Die Sender sind gefordert. Einiges ist in Bewegung. Und wir warten jetzt einfach einmal zu.» Immerhin: Ein fusioniertes Waadtländer TV brächte die Sache dem Ziel einen grossen Schritt näher.
Der Heimatschutz wackeltLast but not least bleibt noch der Einfluss der ausländischen Sender. Dieser wird zwar künstlich tief gehalten, indem sich die Kabelnetze von Genf und Lausanne seit Jahren weigern, das Werbefenster von M6 aufzuschalten. Doch dieser Widerstand scheint nun doch peu à peu zu bröckeln.
Genaueres ist zwar nicht in Erfahrung zu bringen, bloss Andeutungen. Etwa jene von Raoul Gerber, der für die IP Multimedia unter anderem M6 vermarktet. «Bei den Kabelnetzen ist alles beim Alten. Aber wir arbeiten weiter. Und wir sind zuversichtlich, für M6 einen Weg zu finden», sagt Gerber. Dann lacht er und fügt hinzu: «Die Westschweiz ist in Bewegung. In den nächsten sechs Monaten wird sich viel ändern.» Mit M6 sei er zudem sehr zufrieden, letztes Jahr habe der Umsatz um 28 Prozent gesteigert werden können.
40 Prozent Umsatz dank Léman BleuForce Promotion (FP), das in Genf und Lausanne je eine Verkaufsstelle unterhält, generiert gemäss Daniel Berset 40 Prozent seines Umsatzes über den Vermarktungsvertrag mit Léman Bleu, 30 Prozent kommen aus der Bindung mit TVRL. Weil es sich um Exklusivverträge handelt, verdient FP auch bei jenen Aufträgen mit, die beispielsweise über Radiotele kommen. Entsprechend weniger schaut für die Sender selber heraus. Die restlichen 30 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet FP übrigens durch die nicht exklusive Vermarktung weiterer Sender und Kombis und durch Aussenwerbung. In Genf verfügt FP über ein Plakatstellennetz in Parkhäusern.
Was würde mit FP geschehen, wenn es den Vertrag mit Léman Bleu verlieren würde? Berset hat eine einfache Antwort: «Dann müssten wir eben ohne Léman Bleu auskommen und uns auf TVRL konzentrieren.» (mk)
Kleinräumige Verhältnisse: Im Dreieck zwischen Genf, La Chaux-de-Fonds und Sierre sind 13 Privat-TV-Sender aktiv.
Markus Knöpfli

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