Am europäischen Röstigraben
Medienschelte einer Medienministerin: Die Westschweizer Zeitungen sind nicht mehr europäischer. Aber wirklich besser?
Drei Jahre vor der EWR-Abstimmung war Jean Ziegler einer der wenigen Intellektuellen und Politiker, die sich für die erste Direktwahl in das supranationale Europa-Parlament interessierten: «Ich verfolge die europäischen Parlamentswahlen voller Wut im Bauch. Vor meinen Augen nimmt Europa Gestalt an, langsam, unter vielen Geburtswehen, aber unausweichlich. Aber die Schweiz, die Heimat Rousseaus, nimmt nicht daran teil. Ich fühle mich wie ein frisch gefangener Neger auf dem Sklavenmarkt.» Am 25. Mai wird das Europa-Parlament erneuert. Es gibt inzwischen durchaus eine europäische Innenpolitik. Mit der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit hapert es. Die Berichterstattung aus Brüssel und Strassburg ist in allen nationalen Zeitungen ungenügend. Gesamteuropäische Medien – ausser ARTE – und Intellektuellen- Debatten fehlen.
Bei uns fällt eine entsprechende Bilanz kaum besser aus. Mit ihrem merkwürdigen «Westschweizer Zeitungen sind besser»-Votum am Swiss Media Forum hat Doris Leuthard allerdings etwas anderes gemeint: mehr Tiefe, andere Gewichtung, «mehr umfassend eingebettete Hintergründe» als in den Deutschschweizer Gazetten. Die Welschen mögen sich gefreut haben – ihre Sorge ist vor allem die Abhängigkeit ihrer Zeitungen, deren Besitzer Ringier und Tamedia sind. Die Qualitätszeitung Le Temps, jetzt ganz bei Ringier, ist aus finanziellen Gründen alles andere als besser geworden. Aber immer noch erstaunlich und erfreulich gut. Als ob sie sich die Medienschelte der Medienministerin zu eigen gemacht hätte, demonstrierte die NZZ am Sonntag (die mir besser gefällt als jede Westschweizer Zeitung!) umgehend sehr viel Nähe zur Romandie. Am 11. Mai bescheinigte sie den welschen Bundesräten, eine «Klasse für sich» zu sein. Hitzfelds Assistent Michel Pont schreibt fortan eine Kolumne: «Pont heisst Brücke», erklärte der Autor selber. Die Rubrik «Grenzerfahrung», das wöchentliche welsche Alibi, hält fest: «la nati» ist auch in der Romandie das Mass aller Dinge.
So viel Brückenbauerei ist nicht an jedem Sonntag und die Berichterstattung aus den anderen Landesteilen über die Jahre hinweg nicht intensiver geworden. Die Informationsvermittlung ist von Defiziten geprägt. Der Kulturaustausch wird nur zu oft als Pflichtübung gepflegt. Und macht an den Landesgrenzen halt, die nirgendswo Sprachgrenzen sind. Mehr Europa: nach innen und nach aussen! Ich halte die Bemühungen der NZZ, in Österreich und allenfalls Deutschland eine Redaktion aufzubauen, für höchst erfreulich. Man sollte ihr die Tatsache, dass die Idee von einem Österreicher stammt, nicht allzu sehr verübeln: Es ist eine mutige Antwort auf die publizistische und politische Krise in der Schweiz.
Sie ist unter dem Druck des Auslandes und der Euro-Krise enger zusammengewachsen. In den Jahren nach 1992 hätten die Übernahmen der Zeitungen in Genf und Lausanne einen rhetorischen Bürgerkrieg gegen die kulturellen Kolonisatoren ausgelöst. Die Europa-Begeisterung ist überall geschrumpft. Umso bemerkenswerter ist das Bekenntnis, das Roger Schawinski in seiner Autobiografie formuliert. Es ist von seiner Geschichte als Kind bitterarmer jüdischer Einwanderer aus Osteuropa geprägt und hält ein historisches Bewusstsein hoch, das der Mehrheit abhanden gekommen ist. Für Schawinski bleibt die EU das «erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte». Er ist ihm so dankbar wie für das, was ihm die Schweiz ermöglicht hat. Welchen Beitrag seine verschiedenen Medien dazu leisteten und leisten, werden wir bei Gelegenheit Doris Leuthard fragen.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
