Zwischen Kindersoldaten und Kolumnisten

Kolumne Die redaktionelle Mittelschicht dünnt aus, mit empfindlichen Folgen für die journalistische Qualität. Ein Erfahrungsbericht.

 
Kolumne Die redaktionelle Mittelschicht dünnt aus, mit empfindlichen Folgen für die journalistische Qualität. Ein Erfahrungsbericht. 
Während Helvetiens Pressekriegsherren über immer verwinkelteren Angriffs- und Verteidigungstaktiken brüten, hegt das schreibende Fussvolk zunehmend Fluchtfantasien. Laut einem zur letztjährigen Verlegertagung erschienen Befindlichkeitsbericht möchten vor allem jene Dienstgrade aus den Kampfeinheiten der Aufmerksamkeit desertieren, die als «zeichnende Redaktoren» ehedem die Mehrheit der Gilde stellten. Eine weitere These dieses ironischerweise vom Journalisten des Jahres 2007 stammenden Artikels: «Journalisten sind klassenlos: Sie kennen und treffen alle, vom Bauarbeiter bis zum CEO.»Aus Publikumsperspektive tönt das plausibel. In der eigenen Branche jedoch gilt das glatte Gegenteil: Zeitungsleute sind häufig hierarchisch denkende und handelnde Konzernsoldaten. Ihre Sozialkategorien verändern sich in jüngster Zeit allerdings dramatisch. Die herkömmliche Befehls- und Karrierelinie Redaktor – Ressortleiter – Chefredaktor wird zunehmend überlagert von einer neuen Dreifaltigkeit aus jungen und willigen Gratis-Content-Providern, den erwähnten Berufsleuten mit hart erkämpfter Zeichnungsberechtigung sowie einer Königsklasse aus überdotierten, abgebrühten Kolumnisten.
Dieses Modell basiert – wie Kolumnen ja prinzipiell – auf emotions- und eigeninteressensloser Erfahrung. Als professioneller Informant, vulgo: PR-Fuzzi, habe ich fast täglich mit allen drei Klassen zu tun und höre, wie die soliden Mittelständler darüber klagen, als «Salami im Sandwich» von oben und unten immer stärker unter Druck zu stehen. Die Kindersoldaten im Pressekrieg senken handwerklich wie lohnmässig das Niveau und der parallel dazu grassierende Kolumnismus ersetzt redaktionelle Glossen und Kommentare. Journalistische Pflicht und Kür haben also zwei (in dieser Masse) neue Akteure, die Welten voneinander getrennt sind. Die verbliebenen Universalredaktoren von altem Schrot und Korn ärgern und langweilen sich dazwischen zu Tode, was qualitativen Kahlschlag im Blätterwald zur Folge hat.
Ein Pro-Domo-Exempel: Unser diesjähriges Engagement der Schauspielerin Melanie Winiger fürs WEF-kritische Public Eye blieb erwartungsgemäss nicht unkommentiert. Symptomatisch war etwa, dass Zweihänder-Zimmi in seiner .ch-Randspalte wegen «gnadenloser Selbstüberschätzung einer Ex-Miss, welche die unternehmerische Compliance beurteilt», machoreflexartig die rote Karte zückte. Urteil und Wissen verhalten sich hier – wie prinzipiell in Kolumnen – umgekehrt proportional. Ähnlich halbgar und uninformiert berichtete am anderen Ende der Skala ein Journi-Novize von heute, dass «die beiden Turteltauben» Winiger und Stress in jenem Davoser Hotel, wo das Public Eye stattfand, auch übernachten. Worauf der Blick am nächsten Tag prompt munkelte, etwas Bergluft würde dem Kinderwunsch des Boulevard-Traumpaars sicher nachhelfen.
Neben solchem Bullshit provozierte Winigers Auftritt aber auch stichhaltige Analysen zur Showbiz-Wirkung auf Wirtschaft und Politik, zum Beispiel von einer (zeichnenden!) Magazin-Redaktorin. Man ahnt es: Das Resultat fiel nicht weniger kritisch, aber ungleich qualifizierter aus. Dieser – nach Kolumnenmassstäben – durchaus repräsentative Befund erhärtet meine Ausgangsthese: Der durch Jugendwahn, Rotstift sowie Outsourcing gefrustete und gefährdete Redaktor ist das Sturmgeschütz des Qualitätsjournalismus. Konsequenterweise sollte ich den Platz dieser Kolumne also meinen geschätzten Ex-Kollegen, die diesen Text noch mühsam einfordern, redigieren und produzieren mussten, zur Verfügung stellen. Doch hier (und nur hier) halte ich es mit Oscar Wilde: Das einzig Konsequente ist die Inkonsequenz.
Oliver Classen ist Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor arbeitete er als Medienjournalist.

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