Zwischen Journalismus und Europa
Kolumne Journalisten und Medien verharren in Provinzialität, wo doch (Medien-)Konzerne und Institutionen schon längst global agieren, kritisiert Stephan Russ-Mohl.
noch immer keinen «europäischen» Journalismus und auch keine
«europäische Öffentlichkeit»? Als Ende letzter Woche
Kommunikationswissenschaftler aus ganz Europa in Amsterdam
zusammenkamen, um sich in der European Communication Association zu
vereinen, war dies ein Anlass, solchen Fragen nachzuspüren.
Denn irgendwie ist es ja grotesk: Die grossen Konzerne agieren längst
global, die Wirtschaftsräume wachsen zusammen; die politische
Integration Europas macht Fortschritte, die politische Macht verlagert
sich zusehends nach Brüssel; und auch Medienunternehmen wie Ringier,
Bertelsmann, Springer, Schibstedt, Pearson, Mediaset oder die
WAZ-Gruppe sind transnationale Akteure geworden. Warum also
europäisieren sich nicht längst auch der Journalismus und die
Öffentlichkeit?
Auf der Suche nach ökonomischen Erklärungen sind wir auf fünf Filter
gestossen. Sie wirken zusammen, und der Teufelskreis, der so entsteht,
lässt sich vorerst kaum durchbrechen: Die erste Barriere bildet die
Medienindustrie selbst – und zwar im Wettbewerb um Einschaltquoten und
Auflagen. Der zweite Filter sind die Publika, die die Medienindustrie
erreichen möchte. Deren begrenzte Aufmerksamkeits-Spanne macht es
schwer, kulturelle und sprachliche Barrieren zu überwinden: Medien sind
Massenprodukte. Die Masse der Leute sind keine polyglotten Europäer,
sondern Schweden, Polen, Franzosen, Deutsche oder Schweizer. Die Medien
sind und bleiben so lokal und provinziell wie die Publika, die sie
erreichen wollen.
Filter Nr. 3 sind die EU-Institutionen. Wie alle Bürokratien, die weder
von Parlamenten noch von den Medien hinreichend kontrolliert werden,
neigt die Kommission zu Autismus und ihr Apparat zur
Verselbstständigung.
Die jüngsten Studien des Mediatenor-Forschungsinstituts haben neuerlich
gezeigt, dass die EU weitgehend unterhalb der öffentlichen
Wahrnehmungsschwelle agiert und obendrein negative Wertungen das Bild
bestimmen. Daran haben ganze Heerscharen von PR-Experten bisher wenig
ändern können. Dabei wirken sie fraglos als vierte Barriere, weil sie
den Kommunikationsfluss steuern wollen und damit auch oftmals
Journalisten von Informationen abschneiden.
Der fünfte und letzte Filter sind die Journalisten selbst – jedenfalls,
wenn man auch ihnen Eigeninteressen unterstellt und nicht die Mär vom
pausenlosen Reporter-Einsatz im Interesse des bonum comune glauben mag.
Nur auf den ersten Blick ist die Statistik beeindruckend: Über tausend
Korrespondenten sind in Brüssel akkreditiert – mehr als in allen
anderen europäischen Metropolen und womöglich sogar mehr als in
Washington. Nur ein kleiner Anteil dieser Journalisten arbeitet
allerdings bei Medien, die Zugang zu den Entscheidern haben und auch
sonst vernünftige Arbeitsbedingungen garantieren.
Die wenigen Korrespondenten, die für die grossen Nachrichtenagenturen
und für die Leitmedien ihrer Heimatländer tätig sind, fungieren als
tonangebende Agenda-Setter unter den Brüsseler Korrespondenten.
Gegenüber den Heimatredaktionen müssen sie dagegen stets um Platz für
ihre Geschichten kämpfen. Tun sie dies allzu oft und intensiv,
verschlechtern sie indes ihre eigenen Arbeitsbedingungen in der
privilegierten Nische.
Ein weit grösserer Korrespondentenanteil besteht aus eher schlecht
bezahlten freien Journalisten, die auf ein zweites Einkommen angewiesen
sind. Zeit für profunde Recherchen bleibt ihnen kaum. Bereits 1999
verdiente sich ein knappes Drittel von ihnen in Brüssel ein Zubrot
durch Öffentlichkeitsarbeit – und so langweilig, wie auf PR gestützte
Berichterstattung oftmals ist, geraten dann eben auch die Storys vieler
Journalisten.
Insgesamt also weiterhin wenig Hoffnung auf mehr und besseren
«europäischen Journalismus» für eine wissbegierige «europäische
Öffentlichkeit».
Stephan Russ-Mohl leitet das Europäische Journalismus-Observatorium (www.ejo.ch) der Universität Lugano.
