Zuletzt trägt er Gedichte vor
Gastkommentar Kurz vor seinem Freitod, der sich heute zum zehnten Mal jährt, gab Niklaus Meienberg ein letztes Interview. Dominik Imseng, der Interviewer, erinnert sich.
Gastkommentar Kurz vor seinem Freitod, der sich heute zum zehnten Mal jährt, gab Niklaus Meienberg ein letztes Interview. Dominik Imseng, der Interviewer, erinnert sich.Als er dasitzt, um halb vier im Restaurant Kropf: eine Plaudertasche. Ihm sei schwindlig, sagt er und wird den Hut während des Gesprächs nicht abnehmen. Anekdoten, Anekdötchen. Geschichten von Geschichten. Zumal über Journalisten wird gelästert. Scheisskerle alle. Schweinehunde.Das Tonband läuft und legt sich um uns. Noch einmal Salzbrezeln und Bier. Das hilft: Seine Antworten beginnen, sich auf unsere Fragen zu beziehen. Halb zwölf. Wir schlendern durch die Altstadt und suchen nach der Klingel von Schawinski in der Stadelhofer Passage («Halt’ das im Kopf nicht aus, dass der jetzt in Frischs Wohnung sitzt»).
Zwei Tage später, es ist Sonntag, ruft er an. Wir treffen uns in Oerlikon, und er erzählt von den Nordafrikanern, die ihm noch in die Augen traten, als er schon wie tot am Boden lag («Da hat sich jemand für einen Artikel gerächt»). Nächstes Thema: sein Töffunfall bei Toulouse. Einer sei ihm reingedonnert. Irgendein hohes Regierungstier sei das gewesen. Morgen müsse er wieder zum Arzt. Er fasst sich an die Stirn.
Wir sitzen in seiner Wohnung und trinken Wein. Dann breitet er Korrespondenzen aus. Auch seine eigenen. Kopiert oder gleich im Original. Während Stunden gehen wir Ordner durch («Hier die Liebesbriefe, eineinhalb Kilo, alle an mich»). Dann bringt er eine Kiste voller Zeitungsschnipsel («Hat mir jemand zugeschickt»). «Meienberg, der Starschreiber». «Meienberg, das enfant terrible».
Er schleppt weiter an. Wie eine Katze, die stolz erlegte Vögel und Mäuse präsentiert. «Hier der Brief von McNamara, da der Fax an Havel.» In der Ecke klebt seine Visitenkarte aus den Tagen im Pariser Stern-Büro. Zuletzt trägt er Gedichte vor. Apollinaire und eigene. Als ich mich aufmache, murmelt er: «Ein Freund von mir, ein alter Mann, der ist schwer krank. Kennst du was?» Kurz darauf hört ein Bekannter eine ähnliche Geschichte von ihm. Nur ist der Freund jetzt jünger und hat ein anderes Leiden.
Schauspielhaus, drei Wochen später. Gegen eins kommt er in den Keller. Setzt sich zu den Jungen, zu den Frauen. Thomas Hürlimann sei an ihm vorbeigezittert, sei an ihm vorbeigeschwitzt und habe ihm vier feuchte Finger hingestreckt. Er sitzt da und erzählt. Von seinem Töffunfall. Von seiner Wunde am Kopf. Es ist nichts zu sehen. Als wir uns verabschieden, frage ich ihn, wie viele Belegexemplare er benötige. «Eineinhalb.»
Am Vorabend der Veröffentlichung des Buches «Zunder. Überfälle, Übergriffe, Überbleibsel» schluckt Niklaus Meienberg Schlaftabletten und stülpt sich einen Plastiksack über den Kopf. «Meine Asche in den Oberlauf der Seine. Kein Grabstein. Nirgendwo!»
> Dominik Imseng schrieb unter anderem für die Weltwoche und das Magazin des Tages-Anzeiger. Heute ist er Creative Director bei McCann-Erickson Schweiz.
Zwei Tage später, es ist Sonntag, ruft er an. Wir treffen uns in Oerlikon, und er erzählt von den Nordafrikanern, die ihm noch in die Augen traten, als er schon wie tot am Boden lag («Da hat sich jemand für einen Artikel gerächt»). Nächstes Thema: sein Töffunfall bei Toulouse. Einer sei ihm reingedonnert. Irgendein hohes Regierungstier sei das gewesen. Morgen müsse er wieder zum Arzt. Er fasst sich an die Stirn.
Wir sitzen in seiner Wohnung und trinken Wein. Dann breitet er Korrespondenzen aus. Auch seine eigenen. Kopiert oder gleich im Original. Während Stunden gehen wir Ordner durch («Hier die Liebesbriefe, eineinhalb Kilo, alle an mich»). Dann bringt er eine Kiste voller Zeitungsschnipsel («Hat mir jemand zugeschickt»). «Meienberg, der Starschreiber». «Meienberg, das enfant terrible».
Er schleppt weiter an. Wie eine Katze, die stolz erlegte Vögel und Mäuse präsentiert. «Hier der Brief von McNamara, da der Fax an Havel.» In der Ecke klebt seine Visitenkarte aus den Tagen im Pariser Stern-Büro. Zuletzt trägt er Gedichte vor. Apollinaire und eigene. Als ich mich aufmache, murmelt er: «Ein Freund von mir, ein alter Mann, der ist schwer krank. Kennst du was?» Kurz darauf hört ein Bekannter eine ähnliche Geschichte von ihm. Nur ist der Freund jetzt jünger und hat ein anderes Leiden.
Schauspielhaus, drei Wochen später. Gegen eins kommt er in den Keller. Setzt sich zu den Jungen, zu den Frauen. Thomas Hürlimann sei an ihm vorbeigezittert, sei an ihm vorbeigeschwitzt und habe ihm vier feuchte Finger hingestreckt. Er sitzt da und erzählt. Von seinem Töffunfall. Von seiner Wunde am Kopf. Es ist nichts zu sehen. Als wir uns verabschieden, frage ich ihn, wie viele Belegexemplare er benötige. «Eineinhalb.»
Am Vorabend der Veröffentlichung des Buches «Zunder. Überfälle, Übergriffe, Überbleibsel» schluckt Niklaus Meienberg Schlaftabletten und stülpt sich einen Plastiksack über den Kopf. «Meine Asche in den Oberlauf der Seine. Kein Grabstein. Nirgendwo!»
> Dominik Imseng schrieb unter anderem für die Weltwoche und das Magazin des Tages-Anzeiger. Heute ist er Creative Director bei McCann-Erickson Schweiz.
