Wo bleiben die Geschichten?
Kolumne Journalisten sollen wieder die Geschichtenerzähler des Stammes werden: Verhältnisse erhellen, das kollektive Projekt erinnern und das Morgen besingen, schreibt Oliver Fahrni.
Geschichtenerzähler des Stammes werden: Verhältnisse erhellen, das
kollektive Projekt erinnern und das Morgen besingen.In einer alten Geschichte kommt in der
Nacht der Tod zu Rüedisüeli. «Es ist Zeit», sagt Meister Schnitter, wie
es sich geziemt. R. sieht das anders, schmeichelt, hält seine Seele
feil (er kennt die Klassiker), verhandelt. Am Morgen hat er einen
Aufschub erstritten. Einzige Bedingung: Er darf nie mehr erzählen, was
er gesehen, erlebt, gehört hat. Ein guter Deal, denkt R., was soll
daran schon schlimm sein, nur nach vorne zu schauen – und im Übrigen
den Mund zu halten?
Ein paar fürchterliche Wochen später haben ihn Frau und Freunde
verlassen, im Büro gilt er als bizarrer Kauz, zum Amoklauf fähig gar,
die Nachbarn schlagen Türen zu – Rüedisüeli ist aus allen
Zusammenhängen gefallen. Sein Chef hatte zuerst ein Burn-out vermutet:
«Sie waren meine beste Kraft. Was hat Sie bloss so verändert?» Schade,
dass Rüedisüelis Antwort («Morgen wird alles wieder besser») so dürr
ausfiel.
Die kleine Mär, Sie ahnen meine böse Absicht, steht für den Zustand
unserer Gesellschaft. Wir haben verlernt, uns zu erzählen. Glückliche
Amnesie hat ein Philosoph das genannt, mit Blick auf das
massenmörderische 20. Jahrhundert. Gewiss, aber die Crux mit dem
schönen Vergessen ist: Nur wenn wir uns ständig erzählen, schaffen wir
gemeinsame Wahrnehmung. Erst die Verständigung darüber, was war, stellt
Wirklichkeit her. Ein anderes Werkzeug haben wir nicht. Erzählend
ordnen wir ein, strukturieren Sinn und Zeit, geben uns Dauer und
Perspektive. Jede Kunst ist Narration, Zivilisation ist Narration,
Gesellschaft ist Narration. Gesellschaften, die sich nicht mehr
erzählen, zerfallen.
Irgendwie ist uns diese elementare Einsicht, die ein paar tausend Jahre
lang selbstverständlich menschliche Tätigkeit begründete, abhanden
gekommen. Die Sumerer hatten den Gilgamesch-Epos, die Griechen Mythen,
die Neuzeit ihre grosse Geschichte der Entdeckungen – wir haben «Gala»
(oder «Das Magazin»). Den Joy-Stick in der einen, die Karrierekeule in
der anderen Hand treiben wir Journalisten den Verhältnissen jeden
Zusammenhang aus – und den Wörtern ihren Sinn.
Plappernd vernichten wir Unterscheidung. Wir finden uns, wie Sartre
ahnte, «mitten in der Katastrophe der Gleichwertigkeit aller Namen
wieder und sind dennoch gezwungen, zu sprechen…» Nur was?
Wirklichkeit fassen wir kaum noch. Welt schaffen wir keine mehr. Sinn,
Bestand, Hoffnung schon gar nicht. Ein junger Freund fasst das so:
«Vergangenheit haben wir keine. Die Gegenwart ist ein Punkt. Und die
Zukunft rast auf mich zu.»
Wie es um diesen Verlust steht, jenseits allen Kulturpessimismus, zeigt
ein doppeltes Phänomen. Nie war der Appetit nach Geschichte so gross
wie heute. Historische Romane, Sonderhefte, historische Episoden finden
reissenden Absatz. Vergebliche Mühe: In der ambienten Amnesie lässt
sich offenbar nicht einmal mehr der Faschismus oder der 6-Tage-Krieg an
unsere Wirklichkeit anbinden. Umso mehr grassiert dieser Tage
Storytelling (Dramaturgie, Creative Writing, Fiktionalisierung von
Wirklichkeit). Keine Hochschule, kein Werber, keine
Unternehmensberatung mehr ohne Storytelling. Vorerst meint Storytelling
da meist nur ein Werkzeug, um Leser oder Kunden besser einzufangen.
Egal: Dieses plötzliche und massenhafte Erkennen, dass hinter der
Episode eine Geschichte liegen könnte, stellt die Frage, wie wir die
Erzählung wieder gewinnen könnten. Die Frage enthält einen Teil der
Antwort: In den schon erzählten Geschichten stecken die narrativen
Muster, mit deren Hilfe wir einen neuen Begriff von Wirklichkeit finden
und Gemeinsinn freilegen. Das ist mehr als die alte Regel, die Zukunft
werde in der Vergangenheit gelesen, mehr auch als Storytechnik: Aus
Mythen, Theater-Patterns, Historie, Volksgeschichten, Hollywood und
Literatur lassen sich die Instrumente ziehen, um unsere Wirklichkeit
auf neue Weise dicht zu beschreiben.
Der Journalist wäre dann wieder der Geschichtenerzähler des Stammes,
der die Verhältnisse erhellt, das kollektive Projekt erinnert und das
Morgen besingt. Medienökologie im besten Sinne. Aber in Zeiten fortgeschrittener
kapitalistischer Verwertung von niederen Instinkten und Erregung auch
ein ziemlich subversives Unterfangen.
Oliver Fahrni ist freier Publizist, war bis 2001 stv. Chefredaktor der Weltwoche und zuletzt Auslandchef der Hamburger Woche.
