Wieder voll in der Wirtschaft

René Lüchinger kehrt zur Bilanz zurück, diesmal als Chefredaktor.

René Lüchinger kehrt zur Bilanz zurück, diesmal als Chefredaktor.«Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.» Dieses Zitat von Voltaire steht als Claim über der Homepage von René Lüchinger und seiner Firma für Publishing. Gerecht geworden ist Lüchinger dem Leitspruch des Philosophen (und Spötters) in den letzten zwei Jahren mit vier Büchern. «Der Fall der Swissair» ist im Verlag der Bilanz erschienen. Dort wird im Dezember auch ein Buch über den Superbanker und glücklosen Fussballklub-Mäzen Rainer E. Gut erscheinen. Im Auftrag von 23 Ausstellern hat er «Expo.02: Überforderte Schweiz» eine Analyse der Expo zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur geschrieben. Der Verlag Orell Füssli liefert in den nächsten Tagen «Bildmarken – Meilensteine der Markengeschichte» in die Buchläden. Daneben hat Lüchinger in seinem Büro an der Zürcher Zollikerstrasse auch zahlreiche Corporate-Publishing-Projekte realisiert.
Eine gute, besser noch: fleissige Bilanz für einen freien Autor. Was lockt den viel beschäftigten Publi-zisten deshalb, seine unternehmerische Freiheit an Zürichs vornehmer Lage wieder aufzugeben, um im Industriegebiet einen Job als Chefredaktor anzutreten? Die Antwort darauf darf man getrost bei Marshall MacLuhan ausleihen: Das Medium ist die Botschaft.
Bereits von Ende der Achtzigerjahre bis 1995 hat René Lüchinger bei der Bilanz gearbeitet, zum Schluss als stellvertretender Chefredaktor. «Das ist ein Blatt, bei dem die Liebe immer noch da ist», meint er. Zwischenzeitlich war Lüchinger Chefredaktor bei Facts. Mehr als 50 Mitarbeitende hat der Wirtschaftsjournalist dort gemanagt.
Die Organisation der Bilanz wird im Vergleich dazu etwa der Leitung eines grösseren Ressorts entsprechen. Und auch sonst ist der neue Chef beim Monatsmagazin mit ganz anderen Fakten konfrontiert. «Facts ist hauptsächlich an einer jüngeren Zielgruppe orientiert. Bilanz ist ein Blatt, das sich eher an Arrivierte richtet.» Leute also, die normalerweise gebildet sind, den Unterschied zwischen Ebit und Ebitda kennen und folglich noch mehr als andere unter Zeitknappheit leiden. Wer mit einem redaktionellen Beitrag die Lebenszeit dieser Leute beanspruchen will, muss viel bieten: Das Thema muss passen, die Recherche soll profund und die Lektüre lustvoll sein.
«Die Bilanz hat als Marke in der Wirtschaftswelt einen sehr guten Namen», ist Lüchinger überzeugt. Noch mehr als vor der Jahrtausendwende möchte er die Vorteile eines Monatstitels pflegen: Profunde Recherche mit einem Schuss Glamour – und den journalistischen Treibsand den aktuellen Medien überlassen. Dazu will er drei Kernzielgruppen ansprechen: Das wirtschaftliche und politische Establishment, Wirtschaftsinteressierte auf ihrem Weg nach oben. Ein scharfes Auge will Lüchinger auch auf die Frauen werfen: «Es gibt heute sehr viel mehr Frauen, die in der Karriere stecken. Die sollte man beim Themenmix besser berücksichtigen.»
Lüchinger hat in Basel und Freiburg i.Br. Geschichte, Wirtschaft und Politikwissenschaft studiert und wollte politischer Journalist werden. Er merkte aber schnell, «dass die Wirtschaft und nicht die Politik die Triebfeder der Gesellschaft ist». Als die Badische Zeitung ihm ein Angebot im Wirtschaftsressort unterbreitete, wertete er es darum als «sackspannend». Auch bei der damaligen Schweizerischen Politischen Korrespondenz hat er später im Ressort Wirtschaft gearbeitet, bevor ihn Andreas Z’Graggen das erste Mal zur Bilanz holte.
Mit der Rückkehr zur Bilanz unterbricht er seine Karriere als Buchautor, denn «Chefredaktor ist ein Fulltimejob, und Bücher kann ich noch mit 60 schreiben». Gleichviel, die verlagseigene Buchreihe will er «dringend weiter pflegen». Diese Sachbücher im Wirtschaftsbereich seien einer von mehreren Assets der Marke Bilanz.
Lüchinger ist mit einer deutschen Journalistin verheiratet und hat zwei Kinder. Er pflegt einen weiträumigen Freundeskreis, da er vor seinem Studium in Madrid die Matura gemacht hat. Sein Vater war dort Produktionsleiter eines Schweizer Unternehmens und gewährte ihm erste Einblicke in die Welt der Wirtschaft.
René Lüchinger, der neue Bilanz-Chefredaktor, wirft auch ein scharfes (Themen)Auge auf Frauen, die mitten in ihrer Karriere stecken.
Andreas Panzeri

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