Werbung ohne Röschtigraben

Gilles Aeby ist der strategische Kopf der ersten echt bilinguen Agentur «numéro 10» in Bern.

Gilles Aeby ist der strategische Kopf der ersten echt bilinguen Agentur «numéro 10» in Bern. Wenn eine Frau in der Deutschschweiz schwanger ist, dann hat sie Lust auf Cornichons. Das sagt zumindest der Volksmund. Ist Madame in der Romandie in froher Erwartung, dann würde sie laut welschem Volksmund lieber Erdbeeren naschen. «Röschtigraben» nennt man dieses Phänomen, um in der Sprache der Esskultur zu bleiben.«Numéro 10» heisst eine Agentur, welche dieses Problem in Zukunft lösen möchte. «Es geht nicht nur um die Sprache. Es geht um das Verstehen von zwei verschiedenen Mentalitäten», meint Gilles Aeby.
Vor ein paar Monaten hat der bisherige Leiter der Agenturniederlassung DDB in Bern mit Andy Wüthrich und Valérie Pecalvel dem bisherigen Inhaber Herbert J. Seiler ein Management Buyout vorgeschlagen. Seit Januar klebt über dem alten Agenturschild im Gewerbepark an der Berner Felsenaustrasse das neue Logo «numéro 10». Aeby ist Head of Strategic Planning. Wüthrich fungiert als Creative Director. Pecalvel ist verantwortlich als Client Service Director. Die neue Agentur ist vom schweizerischen DDB-Netzwerk völlig gelöst, firmiert aber noch als affiliiertes Mitglied von DDB Nouveau Monde in Frankreich.
Entgegen anders lautenden Pressemeldungen sei das Management Buyout «friedlich und auf Initiative der Berner» über die Bühne gegangen. Seiler hätte sich gefreut, dass sein Lebenswerk weitergeführt wird. Die neuen Besitzer haben nicht nur Personal und Räume, sondern bis auf eine Ausnahme auch sämtliche Kunden übernehmen können.
Aber Gilles Aeby wäre nicht der Vollblutwerber, wie man ihn kennt, wenn «numéro 10» in Zukunft nicht mit einem möglichst eigenen Stil auffallen wollte. «Wir sind die erste Agentur in der Schweiz, die sich voll auf ‹bilingue› Werbung spezialisiert», erklärt Aeby und präzisiert: «Bilingue heisst für uns nicht nur, dass wir zwei Sprachen sprechen. Es heisst auch, dass wir die beiden Märkte und deren Kulturen, Mentalitäten und Konsumverhalten richtig verstehen.»
Profitieren von diesem Know-how will zum Beispiel bereits FNAC. Der französische Medien- und Kulturmarktleader für Literatur, Musik, Film und Multimedia plant, mit der Strategie von «numéro 10» auch in der Deutschschweiz Fuss zu fassen. Umgekehrt arbeitet die Agentur daran, Kultmarken wie Gala und hohes C auch in der Romandie zu einem Begriff zu machen. Ebenfalls beidseits der Sprachgrenze betreut die neue Agentur das Bundesamt für Energie oder das Modehaus La Redoute. Für diesen Kunden hat «numéro 10» kürzlich in Zürich und Lausanne den Event «Bikini on Ice» durchgeführt. «Ein Musterbeispiel» für den anvisierten Stil der Agentur, die künftig die klassische Werbung noch stärker mit Event- und Experience-Marketing kombinieren möchte. «Wir haben eine neue strategische Methode entwickelt, die die Energie der Marke steigert und ihr Wachstum beschleunigt», erklärt Aeby. Sein Rezept: Die Marke muss proaktiv implantiert werden.
Bei «Bikino on Ice» waren es 250 Leute in Lausanne und über hundert in Zürich, die dem Aufruf zu einem Fotoshooting im Schnee gefolgt sind – natürlich Aufsehen erregend in einem Badeanzug von La Redoute. Diese Leute «machen aktiv mit der Marke eine Erfahrung», dann tragen sie die Propaganda weiter.
Sieben Leute arbeiten seit Beginn bei «numéro 10», eine rasche Entwicklung ist schon programmiert. «Wir bieten die strategischen und konzeptionellen Kompetenzen grosser Agenturen, sichern aber auch Flexibilität und Kontinuität im Client Service.»
Gilles Aeby rennt in seiner Freizeit aktiv dem Fussball nach. Der Vater von zwei Kindern spielt aber auch Eishockey, absolviert regelmässig Halbmarathons und liebt jede Art von neuer Musik.
Aufgewachsen ist Gilles Aeby in Fribourg. Seine Laufbahn als Werber startete er 1987 bei Impuls in Zürich. Nach Saatchi & Saatchi sowie BDDP kehrte er in die Westschweiz zurück. Bis zur Gründung von «numéro 10» war der diplomierte Werbeassistent und Werbeleiter sechs Jahre Leiter der DDB in Bern. Dem «Werbekind», das nie etwas anderes machen wollte, gefällt vor allem die Vielseitigkeit der Aufgaben. «Die Mischung aus rationeller Disziplin wie Strategie sowie dem völlig verspielten Denken der Kreation findet man nicht in jeder Branche.» Aeby liebt es auch, von einem Gebiet ins andere zu springen: «Da muss man sehr flexibel sein.»
Für Gilles Aeby heisst «Bilingue» nicht nur zwei Sprachen zu sprechen, sondern auch deren Kulturen und Mentalitäten zu verstehen.
Andreas Panzeri

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