Warnung vor 20 Minuten

Aufgefallen Auf jene Volksverdummung, wie sie das Pendlerblatt exemplarisch betreibt, gibts nur eine Reaktion: die Gründung einer medienökologischen Bewegung – durch Journalisten.

Kolumne Auf jene Volksverdummung, wie sie das Pendlerblatt exemplarisch betreibt, gibts nur eine Reaktion: die Gründung einer medienökologischen Bewegung – durch Journalisten.Friedrich Nietzsche wunderte sich über die Dressierbarkeit des Menschen. Dabei kannte er 20 Minuten nicht.Stünde er heute an Gleis 6 des Luzerner Bahnhofs, den Interregio nach Zürich erwartend, sähe er: Die Dressur ist längst verinnerlicht, der postmoderne Mensch besorgt sie sich selbst. Joystick in der linken, Peitsche der Selbstzucht in der rechten Hand, eilt er durch glitzernde Ödnis; auf Schritt und Tritt angesprungen von Kauf-michs, prallen Hintern und Krieg-ist-Frieden-Slogans eilt er zu Gleis 6 und erkämpft sich – von kaltem Erledigungsfeuer angetrieben – seine 20 Minuten.
Interessantes Phänomen, dieses Gratisblatt. Seine Storys brechen ab, wo die Geschichten eigentlich begännen. Es ist voller Nachrichten, die keine sind. Vier Zeilen über einen Helikopterabsturz in Mexiko, in die Ecke geklebt, signalisieren: Hier erfährst du nichts, aber das wolltest du ja auch.
Tändelt ein Blick noch offen mit Verführung und dem Niederen in uns, so braucht 20 Minuten weder Nackedeis noch den heissen Affekt. Hier herrscht die schiere Simulation von Wirklichkeit. Ersatz. Erregung durch nichts. Eisiger Affekt.
Nur Minuten hinter Luzern wird das Produkt in Abfalleimer gestopft, auf den Boden geworfen, als Sitzschoner entsorgt. Manche tuns mit einer gewissen Heftigkeit. Angefixt, aber mit der Welt allein gelassen, werden sie am nächsten Morgen doch wieder gierig nach der neuen Ausgabe des Blattes greifen.
Klarer Fall von Umweltverschmutzung, äusserlich wie innerlich. Auf 20 Minuten und seinesgleichen müsste ein Aufdruck warnen: «Tötet Ihre Intelligenz.» Vor TV-Sendungen sollte die Einblendung stehen: «Gefährdet Ihre emotionale und geistige Gesundheit.» Internetprogrammen ziemte die Ankündigung: «Korrumpiert Ihre Libido.»
Wir Medienmacher reden ja nicht gerne über die Wirkung unserer Arbeit. Viele finden schon die Frage unzulässig. Nicht Medien fördern Gewalt, Dummheit, Vereinsamung, sagen sie; das tut die gesellschaftliche Realität.
Auch scheinen solche Produkte durch den Markt gesalbt. Was erfolgreich ist, muss richtig sein. Millionen können nicht irren. Da wirst du geholfen. Da wird dir gedacht.
Wird eben nicht. Das Realitätsargument wäre schlagender, kämen wir unserer uralten Aufgabe nach. Medien sollten die Welt und die darauf herrschenden Verhältnisse lesbar machen. Die Menschen in die Lage versetzen, ihre öffentlichen Dinge zu ordnen, Politiker zu wählen und zu kontrollieren. Medien sollten massenhaft Unterscheidung produzieren. Den Leser ermächtigen. Ihn unterhalten, Kant folgend: «Dummheit ist Mangel an Urteilskraft ohne Witz.»
Nun zeigt sich, dass Medien zunehmend Öffentlichkeit vernichten, statt sie herzustellen. Die Welt, wo sie erforschend gefügt werden müsste, in immer noch kleinere Stücke hauen. Massenhaft Analphabetismus produzieren und diesen als «fond de commerce» für neue Produkte nutzen. Schwer, uns einzugestehen: Auf unserer Dauerparty töten wir Sinn, Emotion, Bedeutung und Sprache, das Werkzeug unseres Bewusstseins. Wir sind zum treibenden Teil einer Verdummungsindustrie geworden.
Eine Leserin schreibt: «Ich kanns nicht mehr zusammenhalten, mich nicht mehr zusammennehmen. Alles zerfetzen, mich auflösen, alles vorbei dann. Burnout, die Epidemie unserer Zeit.» Kein Wunder, ziehen wir uns wachsende Feindschaft zu. Irgendwo, so hört man, sei dieser Tage
eine medienökologische Bewegung gegründet worden. Sie wolle den schonenden Umgang mit Emotionen und Intellekt erzwingen. Nachhaltigkeit der Information und mehr. In ihren Aktionsplänen stehen Blockaden, Boykotte und Überfälle, unter anderem aufs Luzerner Gleis 6.
Strategisch klug wäre, wir Medienmacher setzten uns an ihre Spitze.
> Oliver Fahrni ist freier Publizist. Bis 2001 war er stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche und zuletzt Auslandschef der Hamburger Woche.

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