Von Memmen und Heulsusen
Kolumne Sind weinende Frauen ein taugliches Mittel, um in Europa für unser Gastland zu werben? Josefa Haas über den tränereichen TV-Spot zum Ende der Euro 08.
Kolumne Sind weinende Frauen ein taugliches Mittel, um in Europa für unser Gastland zu werben?
Ungeniert heulende Schweizerinnen beklagen im Euro-Abschieds-Werbespot von Schweiz Tourismus das Ende der Spiele wie ein tragisches Ereignis. Ihre Gesichter sind tränenverschmiert und gerötet, wahrlich keine Augenweide. Traurig, traurig – dieser Nation muss ja Ungeheuerliches widerfahren sein, dass ihre Frauen so schmerzverzerrt in die Kameras blicken. Eine Naturkatastrophe, ein Attentat, eine heimtückische Epidemie? Nein, nur der Abschied von Gästen in der Schweiz, welche die Euro besucht haben. Dass wir die UEFA EURO 2008™ grosszügig mit unseren Steuern mitfinanzierten, ganze Quartiere denjenigen überliessen, die mit den Fans Geschäfte machen wollten, und unser Sozialleben dem Spielplan unterwarfen, das gehört für liberale Menschen zur Toleranz gegenüber denjenigen, die am Fussballvirus erkrankt sind. Dass jedoch die Schweizerinnen am Schluss eine so traurige Figur als Heulsusen abgeben sollen, geht doch etwas zu weit.Was also soll dieser Spot? Er sei ein Dankeschön an alle Besucher, das auch die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen ausdrücke, meinen die Macher. Mit diesem kreativen Spot sage der EM-Gastgeber auf Wiedersehen. Der Spot sei überraschend und ergreifend. Er zeige kompromisslos ergreifend – es handelt sich offenbar um das Schlüsselwort der Kreativen – die Sehnsucht der Schweizerinnen, die sich als Gastgeberinnen engagiert hätten, ihre Sehnsucht nach den vielen tollen Fussballern, den Gästen und Fans aus ganz Europa.
Der Spot wird zur besten Sendezeit auf den Fernsehkanälen in Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden ausgestrahlt. Auch mit viel gutem Willen, die allfällig beabsichtigte Ironie zu notieren oder sogar komödiantische Raffinesse zu erkennen, ist nur schwer vorstellbar, wer diesen Spot als Dankeschön verstehen soll.
Etwas Sentimentalität beim Abschied wirkt erfahrungsgemäss verbindend. Bei ganz innigen Begegnungen darf sich gar eine Träne im Augenwinkel zeigen. Auch wenn nicht alle dabei so würdig anzusehen sind wie Greta Garbo, eine Träne der Sentimentalität wirkt nie entstellend. Sie bringt die Schönheit erst recht zum Strahlen. Ganz besonders, wenn dabei die Freude auf ein Wiedersehen mitspielt.
Auch die Sehnsucht, die von den Machern so sehr beschworen wird, verleiht Anmut. Sie versetzt in eine Erwartungshaltung voller Energie und Sinnlichkeit. Sehnsucht kann von einem leichten sentimentalen Trauerflor umspielt sein. Geheult wird aber nur bei schmerzhaften Abschieden.
Die Schweizerinnen, als Klageweiber präsentiert, sollen wohl Lust auf ein Wiedersehen wecken? Künftige Treffen werden da kaum in freudiger Stimmung stattfinden. Die armen Frauen wecken höchstens Mitleid. Es stellt sich gar die bange Frage nach ihrer Gesundheit und nach ihrem seelischen Befinden.
Über die Gründe für den ergreifenden Spot können wir nur spekulieren. Ausschliessen dürfen wir, dass mit dem schnellen Ausscheiden des Schweizer Teams der Katzenjammer der Gastgeber besonders gross war. Auch die tagtägliche Konfrontation mit männlichen Gefühlsausbrüchen kann nicht der Auslöser sein. Die Spots wurden konzipiert, lange bevor in den Euro-Gesichtern Schweiss, Tränen und Blut oft nicht mehr zu unterscheiden waren. Da wir Frauenfussballerinnen nur selten am Fernsehen zu Gesicht bekommen, bleibt es ein Rätselraten, ob in diesem Sport die Frauen oder die Männer näher am Wasser gebaut haben. Oder müssen nach den vielen Memmen auf dem Spielfels zum Ausgleich jetzt Heulsusen auf den Bildschirm?
Solche Gedanken stecken aber wohl kaum dahinter, denn die Botschaft für die Konzeption des Spots kann nur lauten: Die Schweiz ist ein Land, das kann mit Gefühlen nicht so gut umgehen wie mit Geld. Für das Standortmarketing zählt letztlich Letzteres – und damit haben die Verantwortlichen ihr Kommunikationsziel erreicht.
Josefa Haas ist Leiterin des Medieninstituts
www.switzerland.com/aufwiedersehen
