Vom Schaf zum Wolf
René Worni über den Trend zum Journalismus als Volkssport für Aufgeweckte.
länger bevormunden lassen. So argumentieren besonders jene, die sagen,
das Publikum wolle per se nur leicht Verdauliches, bloss knappe und
ungefilterte Information. Kommerzieller Erfolg gab ihnen bisher Recht.
Doch werktags um halb acht auf den Bahnsteigen zeigt sich eine zutiefst
abhängige, schier süchtige Klientel. Gleich einer Herde von Schafen am
Futtertrog stehen stumme Gestalten im Halbdunkel Schlange vor einem
Kasten mit Pendlerblättern. Im Zug dann neigen sich zehn von zwanzig
Köpfen über die Postille. Sieht so ein mündiges Publikum aus?
Vielleicht ist dieser seltsame Aggregatszustand der gebeugten Masse
bloss ein Zustand des Übergangs? Vom nicht wirklich Interessanten zum
vielleicht einmal Mitbestimmbaren?
Schon gibt es funktionierende Anzeichen dafür, wie es hier zu Lande
kommen könnte: In Südkorea drehen etwa 40000 News-Gorillas, so genannte
Bürgerjournalisten, ihr eigenes aufregendes Mediending. Sie
rapportieren von allen Orten des Landes, beobachten, schreiben Berichte
und Kommentare. Die besten landen auf der Website (ohmynews. com) und
werden einmal pro Woche als Zeitung gedruckt. Auch in Norwegen fügen
sich die Bemerkungen wachsamer Beobachter zu VG (Verdens Gang), einer
gedruckten Zeitung, die sich aus täglich gegen 5000 SMS und MMS des
Publikums speist.
Dieses will künftig an der Entstehung von Medieninhalten teilhaben. Die
Tage der kleinen hermetischen Gruppen spezialisierter Journalisten sind
gezählt. Beispielhaft voran gingen Journalisten von L’Hebdo während der
Unruhen in den französischen Banlieues. Sie bloggten aus einem winzigen
Büro im Pariser Vorort Bondy ihre täglichen Erlebnisse
Kriegsberichterstattern gleich ins Netz. Dichte authentische Berichte
flossen daraus ins Hauptblatt. Jetzt weilen Einwohner aus Bondy in
Lausanne und lernen den Journalismus, um mit ihrem Bondy-Blog zur
Stimme in der Öffentlichkeit zu werden. Vom Schaf zum Wolf: ein
Lehrstück für Medienleute, denn das Publikum will ernst genommen
werden.
René Worni, Redaktor
