Volldampf im Leerlauf

Aufgefallen Inszenierte Ereignisse garantieren nicht nur Exklusivität, sondern bringen auch Quote und Auflage. Vorausgesetzt, sie taugen zur Skandalisierung und moralischen Selbstvergewisserung.

Kolumne Inszenierte Ereignisse garantieren nicht nur Exklusivität, sondern bringen auch Quote und Auflage. Vorausgesetzt, sie taugen zur Skandalisierung und moralischen Selbstvergewisserung.
Wenn nichts los ist, müssen Sie etwas losmachen», pflegte mein Mentor beim längst verblichenen «Luzerner Tagblatt», der hervorragende Journalist Hans Peter Jaeger, zu sagen, wenn wieder einmal gähnende Ereignislosigkeit herrschte. Das ist lange her, was schon daraus hervorgeht, dass ältere Kollegen damals mit dem Reporternachwuchs noch per Sie verkehrten.Nicht, dass wir im Anschluss an solche Belehrungen Feuer gelegt hätten. Aber gelernt haben wir unsere Lektion schon. Und andere inzwischen auch, die Betreiber von «Music Star» etwa: Du erfindest das zweitälteste Muster eines Wettbewerbs, das es gibt. Zu Jaegers Zeiten nannte man das «JeKaMi», und es fand samstagabends auf einer trostlosen Provinzbühne statt. Heute wird ein Format wie «Music Star» dank medialer Vervielfältigung und einer perfektionierten Darreichungsform zum Quotenrenner.
Die Inszenierung entwickelt eine bewundernswerte Eigendynamik. Das alte Schlitzohr H. Elias Fröhlich wird gegen eine Interessenkollision aus der Tonträgerbranche ausgetauscht, die Schlagzeilen sind garantiert. Grosse Fragen türmen sich auf: Wie gewalttätig sind Pieros Fans? Warum hat das Milchgesicht seiner neuen Freundin das Friendship-Ticket verweigert? Glaubt die Füllige aus dem Rheintal an den lieben Gott und warum? Die Nachrichtenmaschine läuft hochtourig und spuckt unablässig neue Geschichten aus. Es ist folgenlos, es ist Leerlauf, aber es schadet niemandem und macht Spass. Zudem lenkt es ab, und das soll es doch wohl. Und: Was man selbst erfindet, hat man garantiert exklusiv, das Dementi ebenfalls. Einen derartigen Rat hätte Altmeister Jaeger nie gegeben; Zynismus gehörte nicht zu seinem Geschäft. Trotzdem könnte der Tipp von ihm sein. Die Eigenfabrikation von Ereignissen ist längst medialer Alltag. Man sperrt ein paar Verrückte in einen Container und filmt, was zwischen ihnen läuft. Man transferiert einige abgehalfterte Promi-Bonsais in den australischen Busch, lässt sie durch Scheisse waten und von Kakerlaken küssen und erklärt dies zum Mega-Event. Inzwischen beherrscht eine ganze Kamarilla von PR-Fritzen jenen Trick, den die Kamine erkletternden Gutmenschen von Greenpeace als erste industriell
anwendeten. Zu Bildern gefrorene Symbolhandlungen transportieren banale Inhalte für ein Publikum, dem das Lesen zusammenhängender Texte Mühe bereitet.
Natürlich finden alle solche Schaustellungen fürchterlich; schliesslich handelt es sich ja – bei den Zuschauenden, nicht bei den Darstellenden – um erwachsene, vernünftige und politisch korrekte Menschen. Statt jedoch den wundertätigen Knopf der Fernbedienung zu drücken, schauen diese aufgeklärten und illusionslosen Zeitgenossen angestrengt bis zur letzten Minute zu. Schliesslich wollen sie sich rechtschaffen empören. Aus dem Zorn über die Geschmacklosigkeit der anderen schöpfen sie ihre Gewissheit der eigenen Überlegenheit. So erzeugt selbst die schäbigste Kakerlaken-Show am Ende noch einen moralischen Mehrwert.
Dazu kommt, etwa bei Günther Jauchs Quiz-Show, noch die intellektuelle Neunerprobe auf Volkshochschulniveau nach der lieben, alten Melodie «Hätten Sie’s gewusst?». Was, der Trottel weiss nicht mal, was eine Haubitze ist? Und was, bitte, ist nun der Unterschied zwischen dem kategorischen Imperativ und dem kategorischen Aperitif?
Glotzend bestätige ich mir selbst meinen Status als Intelligenzbestie, liefere meiner Partnerin und meinen Kindern die Lösung, und gemeinsam amüsieren wir uns über den armen Wurm, der minutenlang um die richtige Antwort quält. Den familiären Frieden stört einzig die entwaffnende Frage der Jüngsten: «Papi, warum gasch du eigentlich nöd au emal?»
Karl Lüönd schmunzelt über «Music Star» und Konsorten.

> Karl Lüönd ist Buchautor, Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.

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