Volkstribunal der Medien
Kolumne Das demonstrierfreudige Frankreich wartet vergebens auf eine Demo gegen das Fernsehen: Für Medienkritik gibt es kein Massenpublikum.
wartet vergebens auf eine Demo gegen das Fernsehen: Für Medienkritik gibt
es kein Massenpublikum. Es war an einem Mittwochnachmittag, und
alle waren live dabei. Angesagt war das Verhör eines Richters mit Namen
Fabrice Burgaud. Burgaud wird – nicht ganz zu Unrecht – für einen der
grössten Justizskandale der letzten Jahre verantwortlich gemacht. An
diesem Nachmittag im vergangenen Februar wurden neue Schamschwellen der Mediengesellschaft unterschritten: Eine neue Form von
Fernsehgericht wurde zum Volkstribunal – der mittelalterliche Pranger
ist dafür ein schwacher Vergleich.
Es geht um einen schlimmen Fall von Kinderschändung, der unter dem
Stichwort «Outreau» in die Annalen eingegangen ist. Outreau heisst das
nordfranzösische Örtchen, wo das Drama begann. Die Vorfälle ereigneten
sich im Herbst 2000 – im Anschluss an die Affäre des Kindermörders Marc
Dutroux. Diese hatte auch in Frankreich ein hysterisches Klima
geschaffen. Es bildete den Nährboden für den Justiz- und Medienskandal
Outreau.
Dass es damals tatsächlich zum sexuellen Missbrauch von Kindern
gekommen war, muss angesichts der Entwicklung seither mit aller
Deutlichkeit festgehalten werden. Involviert waren Eltern und Nachbarn:
Sie wurden verhaftet und sitzen im Gefängnis. Doch im Sog der Ermittlungen wurden zahlreiche unbescholtene Bürger
verhört und verhaftet. Im Prozess wurden mehr als ein Dutzend Personen
zu Gefängnisstrafen verurteilt – erst im Berufungsverfahren zwei Jahre
danach fiel die Anklage wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Eines der
Opfer hatte sich im Gefängnis umgebracht. Familien waren zerstört,
Existenzen vernichtet worden. Im letzten Dezember entschuldigten sich
Staatspräsident Chirac und der zuständige Minister bei den Opfern. Eine
erneute Welle der moralischen Empörung ging durchs Land. Nur hatte sie
jetzt eine andere Stossrichtung.
Angesichts der ungeheuerlichen Verurteilungen wurde eine
Parlamentarische Untersuchungskommission einberufen. Das
Parlamentsfernsehen durfte die Sitzungen ausnahmsweise übertragen. Doch
die Befragung der Opfer verlief so eindrücklich, dass sich auch die
Nachrichtenprogramme einschalteten und die Verhandlungen ausser
Programm live übertrugen. Die «Tagesschau» lieferte lange Berichte und
Sondersendungen. Es war die Stunde der Wahrheit. Endlich konnten die
unschuldig Verurteilten erzählen, welches Unrecht sie erlitten hatten.
Vergangenen Februar kam es zum Verhör des Richters Burgaud. Diesmal
waren TF 1 und alle anderen Sender schon eine Stunde vor Beginn dabei.
Bleich sass Burgaud zwischen seinen Anwälten. Die beklemmenden Bilder
vermittelten den Eindruck eines stalinistischen Schauprozesses. Es ging
um Sodomie und Fellatio, um die Erektionen eines Vaters und seines Sohnes. Doch mit dem Verhör des Richters
war der dramaturgische Höhepunkt erreicht. Seither interessiert sich
kaum jemand für die Arbeit der Parlamentarischen Untersuchungskommission. Seit Mitte März
durchleuchtet sie die Rolle der Medien. Die Reporter aus Paris und die
Lokalberichterstatter stehen mit erstaunlicher Offenheit Rede und
Antwort. Die Untersuchung produziert geradezu ein Lehrstück.
Man wusste, dass die Bereitschaft der Medien zur Selbstkritik nicht
grösser ist als jene der Justiz. Folgerichtig haben sie mit der Hatz
auf den Richter Burgaud von ihrer eigenen Mitverantwortung abgelenkt.
Immerhin erschienen in den seriösen Zeitungen auch fundierte Artikel,
die sich kritisch mit den Medien befassten. Doch neuere Fälle zeigen,
dass die Medien aus Outreau keinerlei Lehren gezogen haben.
Noch eine andere Einsicht drängt sich nach dem Fall Outreau auf: Für
Medienkritik gibt es kein Massenpublikum. Die Bürger gehen zwar gegen
die Regierung und auch gegen die Kirche auf die Strasse – erst recht
zur Bekämpfung der Päderastie. Doch die Zuschauer wollen offensichtlich
nicht wissen, wie sie manipuliert werden. Vor allem aber wollen sie
sich unter keinen Umständen ihre Genugtuung über ihre moralischen
Empörungsbekundungen miesmachen lassen. Auf eine Demo gegen das
Fernsehen wartet man indes selbst im demonstrierfreudigen Frankreich
noch immer.
> Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung in Genf.
