Verschlafen, vergeigt

Gastkommentar Der Blick verlor seine Zukunft, weil zuviele Schöngeister im Brei rührten, meint Peter Uebersax.

Gastkommentar Der Blick verlor seine Zukunft, weil zuviele Schöngeister im Brei rührten, meint Peter Uebersax.Als Zeitungsmann, der bewährte Boulevard-Regeln noch ehrt, erscheint mir der heutige Blick als journalistisches Desaster. Die alte Boulevard-Tante ist kein NEWS-paper mehr. Sie ist ein Sammelsurium von Preisausschreiben, von People-Allotria und einer Politik, die mit Linkspopulismus eidgenössische Neidkultur umsetzt. Der einzige, der in dem Blatt mit Witz und Charme (wenn auch ohne tiefere Sinnigkeit) schreibt, ist Redaktionssenior Jürg Ramspeck, bald 70.Das Problem des Blicks ist, dass zu viele Köche in diesem Brei rührten. Vor 20 Jahren, bei meinem Abschied, hinterliess ich ein straff organisiertes Blatt mit einer verkauften Auflage von knapp 400 000. Was ist davon übriggeblieben? An Auflage rund 250 000, an Zeitung ein Blatt, das sich mit immer eintönigeren Nörgeleien an Blocher reibt. Oder Schönheitskonkurrenzen für die Hunde der Leser veranstaltet. Einst packte Blick dort zu, wo es etwas zu ernten gab – mit gepfefferten Kampagnen gegen unser damals desaströse Fernsehen DRS. Mit Zweifeln am damaligen Equivalent der heutigen Klimahype, dem Waldsterben. Oder mit einem frenetischen Cheerleading für die besten Skiläufer der Welt, die Pirmin Zurbriggens & Co. Der Blick bestand damals zu 70 Prozent aus hard, crisp News, zu 15 Prozent aus Polemik und Provokation und zu 15 Prozent aus Sex. Blick machte Marta Emmenegger zu einer nationalen Figur. Ihre Tipps brachten Freude in verkehrsberuhigte Schweizer Ehe- und andere Betten.
Aber in die Erbmasse, die ich bei Ringier hinterliess, streckten verschiedene Schöngeister ihre Finger. Frank A. Meyer verkündete ein Redaktionsprogramm zur «Emanzipation» des Blicks. Als Idealfigur seines Blick-Lesers beschrieb er einen Truckdriver, der in der Autobahnraststätte sein Gipfeli in den Milchkaffee tunkt «und an Europa denkt», der im Blick-Kulturteil nach Ankündigungen von kommenden Kunstausstellungen sucht und generell nach einer besseren Welt lechzt. Der ethisch aufgemotzte Blick sollte als «Volkszeitung» (das Wort Boulevard war out!) neue Leserkreise erschliessen.
Denkste. Denn genau hier begann der Absturz des Blicks. Er beschleunigte sich, als sein Herz immer linker schlug. Was bei Ringier niemand zu bedenken schien, war, dass Blick im bürgerlichsten Land Europas erscheint. Schweizer akzeptieren eine freche, rüde Boulevardzeitung – eine linke nervt sie.
Wenn Leserzahlen und Inseratevolumen des Blicks bachab gehen, so wird das bei Ringier den Gratisblättern und dem Internet zugeschrieben. Dem eigenen Produkt Schuld zu geben, ist scheinbar uncool. Und niemand würde zugeben, dass Ringier in dem Moment, als Gratisblätter auftauchten, eine perfekte Abwehrwaffe in der Hand gehabt hätte – Blick ebenfalls zum Gratisblatt zu machen.
Auch bei der Auswahl der rasch wechselnden Chefredaktoren wurde geschlafen. Der beste Mann für diesen Job arbeitete einst bei Ringier, musste aber ins Welschland exilieren. Peter Rothenbühler, erfolgreicher Chefredaktor von Le Matin, hätte es geschafft, dem Blick wieder eine Zukunft zu geben.
Peter Uebersax, 81, war 1980-86 Chefredaktor des Blicks. Er lebt in Herrliberg und Südspanien

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