Unglaubwürdig empört

Gastkommentar «Wenn Verleger Gebühren-finanziertes Crossmedia machen, wie dann dem Schweizer Fernsehen ein Newsportal verbieten?», fragt Urs Gossweiler.

Gastkommentar «Wenn Verleger Gebühren-finanziertes Crossmedia machen, wie dann dem Schweizer Fernsehen ein Newsportal verbieten?», fragt Urs Gossweiler.Als Unternehmer befürworte ich eine
Reduktion der Staatsquote wie zum Beispiel den Verkauf der
Aktienmehrheit an Swisscom durch die Eidgenossenschaft. Beim Radio und
Fernsehen bin ich jedoch dagegen. Warum? Grossbritannien ist der
Schrittmacher Europas in Sachen Liberalisierung und Deregulierung. Und
dennoch steht eine Privatisierung der BBC nicht zur Debatte. Zu Recht.

Wie ich aus der Presse entnehme, sind wir Zeitungsverleger empört über
den neuen News-basierten Online-Auftritt des Schweizer Fernsehens. Da
meine Verlegerkollegen ohne mich zu fragen empört sind, bin ich,
ebenfalls ohne Nachfrage, nicht empört. Und dafür gibt es zwei Gründe:
Seit Erfindung des World Wide Web ist klar, dass sich die
Mediengattungen Radio, TV und Zeitungen im Internet überschneiden.
Dafür kann SF nichts und darf deswegen nicht auf die Möglichkeiten
dieser Konvergenz verzichten. Zweitens holt SF nun endlich nach, was SF
DRS über Jahre verschlafen hat. Die ARD beispielsweise betreibt seit
Jahren ein solches Portal.

Der eigentliche Skandal ist nicht das SF-Newsportal, sondern die
Politik unseres Verbandes und dessen Präsidiumsmitglieder. Da lassen
sich die Grossverlage vom Schweizer Fernsehen via Presse-TV Millionen
Gebührengelder pro Jahr bezahlen und feilschen darüber hinaus Paragraph
um Paragraph im neuen RTVG für noch viel mehr Millionen für die
hauseigenen, freiwillig gegründeten Regional-TV-Stationen. Das Lobbying
war so erfolgreich, dass die staatlich verordneten Zwangsgebühren nicht
nur die Regionalfernsehdefizite decken, sondern auch jene für Online,
Teletext und in Zukunft gar noch die Verluste der Tageszeitungen. Wenn
Verleger Gebühren-finanziertes Crossmedia machen dürfen, wie will man
der SRG verbieten, eine Online-Ausgabe der Tagesschau zu realisieren?
Mit dem neuen RTVG müsste SF gar eine Printausgabe der Tagesschau
erlaubt sein, was vielleicht schon in Planung ist.

Bis vor fünf Jahren hätte unser Verband glaubwürdig empört sein können,
denn er setzte sich für ein duales System ein. Damit hätte die SRG
keine Werbe- und Sponsoringgelder akquirieren dürfen und wir Verleger
im Gegenzug keine Gebühren. Seit 2001 jedoch misstrauen die Verleger
dem Markt und setzen auf staatlich verordnete Einnahmen. Dieser
ordnungspolitische Sündenfall führt zu Vermischungen zwischen privaten
und staatlichen Anbietern. Dies ist unglaubwürdig und langfristig
schädlich. Für den Konsumenten, dem diese Zusammenhänge sowohl von der
Politik, dem Fernsehen und natürlich auch der Presse bewusst
vorenthalten werden, wäre die Tatsache, dass er mit Zwangsgebühren
nebst der SRG auch seine abonnierte Zeitung quersubventioniert, mehr
als ärgerlich. Umgekehrt erwartet er vom Schweizer Fernsehen – trotz
des sehr gelungenen Neuauftrittes – endlich ein Medium für die ganze
Schweiz, statt nur für Zürich. Service public bedingte einen etwas
breiteren Horizont.

Urs Gossweiler-Abegglen ist Verleger und u. a. Herausgeber der Jungfrau-Zeitung.

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