Übung abbrechen!

Gastkommentar Nach dem Formatwechsel braucht der Blick dringend eine inhaltliche Neuausrichtung, schreibt Peter Rothenbühler.

Gastkommentar Nach dem Formatwechsel braucht der Blick dringend eine inhaltliche Neuausrichtung, schreibt Peter Rothenbühler.Blick kann sich (und seiner Leserschaft) weitere Eigenlobartikel über das heldenhafte Wirken der Zeitungsmacher ersparen. Das «Doppio»-Experiment macht ab der ersten Nummer klar: Im kleinen Format ist Blick um Klassen besser. Obschon die Inhalte gleich sind, macht das halbe Format doppelte Lesefreude. Meine Prognose: Das Leser-Plebiszit wird zu 80 bis 90 Prozent für den Kleinen ausfallen.«Doppio» ist seit langem die erste Kampagne, bei der Blick nicht den Schwanz einziehen muss. Bravo! Neben dem kleinen sieht das grosse Blick-Format plötzlich uralt aus. Die Seiten sind puffig und unentschieden aufgemacht, es fehlt die klare Hierarchie, die Bilder konkurrenzieren sich. Bleibt die Frage: Wie konnte man nur so lange warten? Und warum hat Ringier die Formatänderung nicht einfach durchgezogen? Viel Mut hätte es wahrlich nicht gebraucht. Zeitungen, die den Schritt gemacht haben, haben auf der ganzen Welt nur gewonnen. Und zwar unabhängig von den Inhalten. Ob ländliches Boulevard-, städtisches Schickblatt oder grosse Regionalzeitung: das kleine Format ist einfach praktisch. Das haben uns auch die Le- Matin-Leser (seit dem Formatwechsel im Herbst 2001) immer wieder bestätigt, und zwar mit eindrücklicher 98-Prozent-Mehrheit.
Aber so ist das eben in unserer Branche: Die Leser sind oft progressiver und praktischer veranlagt als die Journalisten. (Was nicht heisst, dass sie alle SP wählen und katholisch beten, liebe Blick-Macher.) Die Lesermeinung zu einem neuen Blick hätte man übrigens auch per Anruf in Lausanne oder Oslo oder London erfahren können. Ringier hätte also viel Zeit und Geld sparen und vor allem den überfälligen nächsten Schritt anpacken können: Die Neuerfindung des Blick.
Warum hat Ringiers Schlachtschiff in den letzten zehn Jahren 100000 Auflage verloren? Etwa wegen des Formats? Das Tabloid allein wird die fehlenden Verkäufe nicht wettmachen. Blick wird sich nach «Doppio» endlich zur Grossübung «Reformatio» aufraffen müssen. Zur Reform der Inhalte, zur Neutralisierung des politischen Kurses, zur Verjüngung und Verweiblichung der redaktionellen Linie.
PS: Bei allen Vorteilen bleibt nur ein grosses Problem: Markenartikler schalten ihre schönen Anzeigen bekanntlich gerne im Grossformat. Eine wunderbare Ertragsquelle für Sonntagsausgaben im Broadsheet. «Leider» (für Ringier) ist der SonntagsBlick der einzige Sonntagstitel im Kleinformat. Der resultierende Inserateausfall dürfte teuer werden. Doch fürs Erste ist Blick wieder auf der Winning side. Gratulation!
> Peter Rothenbühler ist Chefredaktor von Le Matin und Le Matin Dimanche.

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