Tourist im eigenen Land

Situationen unverblümt festhalten, in schwarz-weiss, am liebsten so, dass es niemand merkt. Das hat sich Daniel Comte zur Aufgabe gemacht, neuerdings als Fotograf. Eigentlich schon immer – auch in seinen Jahren als Executive Creative Director und Gewinner zahlreicher internationaler Awards.

Stockend ist lediglich seine Art zu erzählen. Bedächtig, aber nicht behäbig. Tiefgründig, aber nicht tiefschürfend, spirituell, aber nicht esoterisch. Genau wie seine Bilder. In einer Ausstellung in der ADC-Galerie kamen sie besonders gut zur Geltung, da sie in drei übereinander liegenden Reihen aufgehängt und somit nicht dekorativ ausgestellt waren. Denn Daniel Comtes Werke laden zum Verweilen und Studieren ein. In jedem Bild steckt ein Teil seiner Lebens- und Beobachtungs- Philosophie. So fotografiert Comte in schwarzweiss, um das Spiel des Lichts einzufangen sowie Details der Scharfzeichnung, die in Farbe nicht erkennbar wären. «Was ist Zweisamkeit, der Mensch in der Masse, alleingelassen, überfordert?»: Auf solche Fragen des täglichen Lebens kommt der stille Beobachter vielleicht, wenn er sich von einem Ort, einem Lichtstrahl, einer Handlung oder Bewegung inspirieren lässt. Und aus diesen Momenten heraus, um diese Gedankengänge anzulocken, entstehen Daniel Comtes Bilder. Sein Studium als Grafiker hat ebenfalls Spuren hinterlassen: Mindestens die Hälfte der Bilder spielt mit geometrischen Figuren. Doch keines der Werke ist nur Geometrie, nur Aktion, nur Gedanke – ohne etwas zu wollen, sagen die Bilder fast alles über ihren Schöpfer.

Unbenannt-21_10

Einmal um die Welt, bitte

«Mich kann man auch als Fotomodell buchen», erzählt Comte, verschmitzt grinsend. Ernst gemeint ist diese Aussage aber trotzdem. Für den letzten Auftrag war er im Tessin, wo er für einige Aufnahmen mit Hunden spielte – auf den flachen Steinen im Maggia- Tal – wer kennt sie nicht. Comte liebt es offensichtlich, vor der Kamera zu stehen, solange er nicht posieren muss, sondern darstellen darf. Fast noch mehr reizt ihn daran dann aber doch, was dabei herauskommt. Im Vordergrund stehen die Bilder, nicht er. Er selber stellt sich nicht gerne in den Mittelpunkt, schon fast schüchtern, aber doch wenig berechnend erzählt er von seinen letzten Jahren in der Werbebranche – wenn auch ungern: «Noch einmal würde ich nicht diese Branche wählen. Meinen Kindern würde ich sie auch nicht empfehlen», sagt er. Auch wenn zwei seiner drei Kinder ganz in Vaters Spuren wandeln. Sein Ältester hat wie Comte als Grafiker begonnen, der Jüngste studiert an der Hochschule der Künste in Biel. Und auch das mittlere Kind tanzt nicht ganz aus der Reihe der grafischen Comte-Söhne, er geht der gestalterischen Leidenschaft als Landschaftsgärtner nach.

Die letzten Erinnerungen prägen sein Leben aktuell noch immer. Das Erlebnis, als erfahrener Creative Director von einer Agentur wegrationalisiert zu werden, weil zu teuer, hat ihn gezeichnet und enttäuscht. Und da blitzt er immer wieder auf, sein Abschied von der Arbeit in der Werbung, als Anflug zwar nur, aber doch immer latent vorhanden. Comte spricht nicht gerne darüber: «Ich habe sehr viel erlebt, bin um die Welt gekommen. Aber nun habe ich mich von der Werbebranche verabschiedet», ist alles, was er dazu sagen möchte. Schade ist er trotzdem, sein Abgang, war er doch an vielen Umsetzungen ausgezeichneter Kampagnen beteiligt. So etwa an der Versicherungs-Kampagne für die Winterthur International. Weltberühmte Persönlichkeiten ihres Fachs erläuterten, was der Begriff Risiko für sie persönlich bedeutet – darunter Lord Attenborough, Maurice Béjart oder Erzbischof Desmond M. Tutu, welcher für die Aufnahme sein Gebet für Comte ausrichtete. Dieser war nicht nur bei den Aufnahmen dabei, er bezeichnet seine damalige Zusammenarbeit mit Richard Avedon noch heute als sehr prägend. Auch in Erinnerung bleibt mindestens eine weitere Kampagne unter Comte als Executive Creative Director: eine Arbeit für die Multiple Sklerose Gesellschaft. Sie visualisiert die durch Entzündungen hervorgerufenen Unterbrechungen der Nervenbahnen und ihre brutalen Folgen durch die Lücken zwischen zwei Plakatstellen, zwei Zeitungsseiten oder durch die Lücken zwischen Tür und Wand.

Street Photographer und Entertainment Artist

Geboren wurde Daniel Comte in Bern im Jahr 1963. Nach einem Grafik-Design-Studium an der Kunstgewerbeschule in Bern wurde er 1984 Creative Director und Mitglied der Geschäftsleitung bei Matter Leo Burnett. Ab 1998 war er als Creative Director in den grössten Werbeagenturen der Schweiz tätig. Seit 1995 ist er Mitglied des Art Directors Club Schweiz ADC. Comte gewann über 300 nationale und internationale Kreative- und Effie-Awards. Heute lebt und arbeitet er in Zürich. Als begeisterter Fotograf sind Kunst und Kultur seine spirituellen Medien, wie er sagt. «Ich selbst betrachte mich als stillen Beobachter des alltäglichen Wahnsinns und der Koexistenz von Zufall.» Als Street Photographer mit einem sensiblen Auge möchte er als Tourist wahrgenommen werden und die Situationen unverblümt festhalten. Bereits hatte er mehrere Fotoausstellungen im Inund Ausland. Aktuell stellt er seine Bilder in der ADC-Galerie an der Zentralstrasse 18 in Zürich aus. Hinter jedem seiner Bilder stecken nicht nur philosophische Überlegungen und grafische Elemente; jedes Bild erzählt eine kleine Entstehungsgeschichte: Auf einem seiner Spaziergänge über den Bundesplatz sieht Comte Kinder unter den Wasserstrahlen des Bundesplatzbrunnens herumtollen. Und tatsächlich sind sie auch beim nächsten Besuch wieder da. So fotografiert er diese eher unschweizerische Szene: ein Haufen Kinder, die in Unterwäsche baden und die Sonne geniessen – vor dem Bundeshaus. Auch sein erstes Bild des Strassenfotografen René Burri – Comtes grosses Vorbild – ist in der Ausstellung aufgehängt. «Er ist unübertreffbar, einer der ganz grossen Fotografen», so Comte. Er habe einfach ein gutes Auge. Für andere Werke stand Daniel Comte lange Zeit im Regen, wartend auf den richtigen Augenblick. Aber auch formalen Spielereien ist Comte nicht abgeneigt, wobei doch meist der Mensch im Mittelpunkt steht. Aufgefallen sind ihm solche Momente schon immer. «Ich kann das nicht verleugnen, ich bin einfach ein visueller Mensch», so seine einfache Erklärung. «Ich sehe eben oftmals Momente, von denen ich dann auch gefragt werde, wie ich diese bloss immer wieder finde», freut er sich ein wenig. Aber schliesslich sei er ja auch kein Modefotograf. Er müsse vom Moment leben. «Entweder ist dieser dann einfach in der Kiste – oder weg.» Teils verwirren Comtes Bilder, optischen Täuschungen gleich. So laden sie dazu ein, mehrmals hinzuschauen, damit der Betrachter das Spiel von «näher ran – weiter weg» mitmachen muss, um die reale Situation und ihre Zusammenhänge zu erkennen. Genau wie das Leben selbst.

Ursina Maurer

In Kürze

1990 – 1992 Art Director GGK Basel
1992 – 1994 Art Director Weber, Hodel, Schmid
1994 – 1998 Executive Creative Director Matter Leo Burnett
1998 – 2002 Executive Creative Director McCann Erickson
2002 – 2007 Executive Creative Director AY&R
2008 – 2011 Executive Creative Director DraftFCB/Lowe Group
2011 – April 2012 Creative Director und Partner Zürcher
Kommunikationsagentur Ping Pong
April 2012 – November 2012 Executive Creative Director Blue Spirit
Communications
Seit Januar 2013 Creative Director and Photographer,
Daniel©omte
www.danielcomte.com
[email protected]
 

More articles on the topic