Tempo, Tempo!

Kolumne Wenn Stress, dann wenigstens in Europa. Das ist nicht nur die Ansicht von Alexander Jaggy, sondern auch das Ergebnis einer amerikanischen Studie.

Kolumne Wenn Stress, dann wenigstens in
Europa. Das ist nicht nur die Ansicht des Autors, sondern auch das
Ergebnis einer amerikanischen Studie.Vor einigen Jahren untersuchten zwei
Psychologen die Lebensgewohnheiten von Südtiroler Bauern. Erstaunt
stellten sie fest, dass diese nicht zwischen Arbeit und Freizeit
unterscheiden. Die Bauern molken ihre Kühe, mähten Wiesen, erzählten
Geschichten, spielten Akkordeon – ohne zwischen Pflicht und Vergnügen
klar zu trennen. Gefragt, was sie denn mit mehr Zeit anfangen würden,
antworteten sie verwundert: dasselbe.

Milch, Mähen, Märchen, Musik.
Zu schön, um wahr zu sein. Quält sich unsereiner nicht ständig mit dem
atemlosen Gefühl, für alles und jedes zu wenig Zeit zu haben? In den
Vereinigten Staaten kursiert bereits der Begriff der Eilkrankheit. Sie
äussert sich im Gefühl, ständig gehetzt zu sein, sowie in der
Unfähigkeit zu angenehmen Erinnerungen.

Es geht auch anders.
Bei den Kapauka in Papua etwa ist es verpönt, an zwei aufeinander
folgenden Tagen zu arbeiten. Auch die Hausa, eine nigerianische
Volksgruppe, nehmen es gemächlicher. Sie benötigen bis zu 20 Minuten,
um sich guten Tag zu sagen.

Um das Lebenstempo unterschiedlicher Kulturen zu vergleichen, ist der
amerikanische Psychologe Robert Levine um die Welt gereist. In ebenso
ausgeklügelten wie bizarren Experimenten mass er in 31 Ländern die
Geschwindigkeit, mit der Fussgänger 20 Meter zurücklegen. Oder wie
lange Postangestellte brauchen, um eine Standardbriefmarke zu
verkaufen. Oder die Genauigkeit öffentlicher Uhren.

Das Resultat: Sämtliche westeuropäischen Länder liegen an der Spitze.
Die Schweiz sogar auf Platz 1. Es folgen die asiatischen Tigerstaaten
und die USA. Während die letzten acht Plätze von
nichtindustrialisierten Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika
belegt werden.
Die Daten zeigen, so Levine, dass man anhand des Lebenstempos eine
relativ verlässliche Vorhersage machen kann, ob eine Person an einer
Herzattacke stirbt. So belegt die Studie einmal mehr das Paradox, dass
in Ländern, in denen die Menschen über sehr viel lebenserleichternde
Technik verfügen, der Alltag viel aufreibender ist.

Die Japaner legen mit das höchste Arbeitstempo vor und bescheiden sich
zudem mit 1,5 Wochen Urlaub im Jahr und sterben schon mal an «karôshi»,
dem Tod durch Überarbeiten. Sie leiden an «nichiyô byô», der
Sonntagskrankheit, und an «kyùjitsu byô», dem Urlaubssyndrom. Für diese
Leute ist es unerträglich, nicht arbeiten zu dürfen.

In einem sicherlich beispiellosen Projekt bemüht sich die japanische
Regierung mit offiziellen Kampagnen, die Arbeitswut im Land zu
drosseln. Mit Plakaten wie «Urlaub ist ein Beweis für Ihre Kompetenz»
appellieren die Regierungsvertreter an die Vernunft der Beschäftigten.
Privatunternehmen sind da schon unzimperlicher. Ansagen wie «Wir
befehlen Ihnen, eine Woche Urlaub zu nehmen» überraschen keinen mehr.

Levine kommt überraschend zum Schluss, dass das Dolce Vita ausgerechnet
in Europa stattfindet. Hier leben die Menschen zwar wesentlich
schneller, haben aber auch mehr Urlaub als etwa in den USA, wo man sich
im Schnitt mit zwei Wochen begnügen muss.
Darüber sollten wir uns freuen. Wenigstens ein paar Sekunden.

Alexander Jaggy ist Geschäftsführer Kreation und Teilhaber bei Jung von Matt/Limmat.

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