Sympathische Stille

Aufgefallen Für seriöse Wirtschaftsjournalisten sollten öffentlichkeitsscheue Unternehmer eine Herausforderung sein. Home Storys über CEOs und rhetorisches PR-Pathos gibt es nämlich schon mehr als genug.

Kolumne Für seriöse Wirtschaftsjournalisten sollten öffentlichkeitsscheue Unternehmer eine Herausforderung sein. Home Storys über CEOs und rhetorisches PR-Pathos gibt es nämlich schon mehr als genug.Die schlimmste Sünde in der Mediengesellschaft ist die Weigerung, sich an der unablässigen Geräuscherzeugung auf dem Marktplatz von Presse und PR zu be-teiligen. Vor allem Unternehmer, die sich der Neugier journalistischer Enthüller verweigern, geraten rasch in Verdacht, Böses im Schilde zu führen. Wer schweigt, hat etwas zu verbergen, lautet die Grundüberzeugung der Medienaufklärer, die sich in solchen Fällen flugs daran machen, diese Leerstelle mit allerlei Vermutungen zu füllen.Das «Netzwerk Recherche», ein Journalistenclub, der sich der Erhellung der Dunkelzonen im öffentlichen Leben besonders verpflichtet fühlt, verleiht sogar einen Preis an «Infoblocker des Jahres»: Die «verschlossene Auster» ist ein Stein gewordener Vorwurf an Politiker und Unternehmer, die aus ihrem Tun und Lassen kein Aufhebens machen wollen.
2001 fiel das ungefüge Ding dem deutschen Innenminister Otto Schily auf die Füsse, in diesem Jahr traf es die Brüder Albrecht, die den Lebensmittel-Discounter Aldi zum Blühen gebracht haben. Sie veröffentlichen keine Geschäftsberichte, sie stellen sich kaum je zum Interview, beantworten in der Regel keine Journalistenanfragen, ja – gütiger Gott – sie unterhalten nicht einmal eine Presseabteilung. Kein Wunder, dass sie im April auch nicht nach Hamburg kamen, um aus den Händen des «Netzwerk Recherche»-Laudators ihre Auster entgegenzunehmen.
Ich gestehe, dass mir diese Verweigerung gefallen hat, obwohl ich natürlich die scharfe Beobachtung von Wirtschaftsunternehmen für selbstverständlich halte. Denn über solche Aldi-Aktivitäten, die von
öffentlichem Interesse sind, können sich Journalisten ja durchaus unterrichten, auch wenn das manchmal mühsam sein mag. Die Produktqualität, welche gerade wieder einmal in Zweifel gezogen wird, kann man von unabhängigen Instituten prüfen lassen; die Unternehmensstrategie dürfte für Branchenkenner kein Geheimnis sein; gegen die unzulässige Ausnutzung von Marktmacht gibt es staatliche Kontrollinstanzen, deren Ergebnisse öffentlich verfügbar sind; und wie mit Mitarbeitern umgegangen wird, erfährt man am besten aus Gesprächen mit diesen. Auch einen Skandal mit unklaren Hintergründen gibt es um und in dem Unternehmen zurzeit nicht. Was also will man von den beiden alten Herren dann eigentlich wissen?
Es ist das Schweigen selbst,
das provoziert. Unternehmen und Unternehmer, die sich am grossen Kanalrauschen nicht beteiligen, sind Störenfriede der Medien-
gesellschaft. Denn diese hält das Modell Bertelsmann längst für den Normalfall: schwülstige Rhetorik von sozialer Verantwortung, visionäres Geschwätz vom Unternehmen der Zukunft und die Unterrichtung des Publikums über das Bürodesign und den Lieblingssport des CEO. Es ist die Verwandlung von Wirtschaftsinformationen in Home Storys, auf welche die Medien ihr Anrecht so lautstark geltend machen. Bedeutsames kommt dabei fast nie heraus. So konnte man gerade in einem Porträt von Edda Fels, der Sprecherin des Axel-Springer-Verlags, darüber lesen, wie sehr diese Dame bei Journalisten geschätzt wird, obwohl sie ausschliesslich Nullinforma-tionen verbreitet. Kein Reporter weiss anschliessend mehr, aber schön, dass er mit ihr sprechen durfte.
Anstatt also die Albrecht-Brüder zu schelten, sollten Jour-
nalisten darüber nachdenken, was sich denn wirklich über diese Unternehmer zu wissen lohnt. Dann werden sie möglicherweise feststellen, dass ihre Neugier gewiss nicht in Interviews oder über Pressestellen und PR-Abteilungen zu befriedigen ist. Nur wer zu bequem ist, das Schweigen von Aldi als Herausforderung ernst
zu nehmen, wird Spass an Mätzchen haben, wie sie das «Netzwerk Recherche» offensichtlich für notwendig hält.
Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.

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