Stille Tage in Rom

Aufgefallen Zu blöd, zu schrill oder einfach «more of the same»: Ein als Medientagebuch getarntes Plädoyer für mehr politischen (Sach-)Verstand und weniger journalistischen Vandalismus.

Kolumne Zu blöd, zu schrill oder einfach «more of the same»: Ein als Medientagebuch getarntes Plädoyer für mehr politischen (Sach-)Verstand und weniger journalistischen Vandalismus.Freitag. Wer ist der Schönste im ganzen Land? Der Papst siecht öffentlich, Gott streckt seine Hand aus, und der uns sichtbare (kleinere) Teil der Welt leidet mit. Das ist illoyale Konkurrenz für Silvio Berlusconi, Italiens Trash-Premier. Denn Wahlen stehen ins Haus. Also plaudert er auf einer seiner TV-Ketten abendfüllend über Liftings und Haarimplantate. Seine eigenen. Er kann sie empfehlen. Das Private als Vernichtung von Politik mit anderen Mitteln. Doch diesmal fällt vielen Italienern die Perversion auf. Tröstlich: Die Realität schlägt zurück.Mittwoch. «Wir sind Papst» schreit die Bild. Na ja, wenn es zum Weltmeister nicht reicht, nimmt der Blut-und-Boden-Boulevard auch einen Papst. Egal, dass die Nation mehrheitlich reformiert respektive ungläubig ist. Hauptsache deutsch. Die Gazetten sind voll mit Ratzinger. Solche Momente erhellen den Zustand der Branche. Er ist desaströs. Fehlleistungen («Rottweiler», «Papa Ratzi», «Panzerkardinal») jagen Geschwätzigkeit. Wo bleibt das Blatt, das einen exzellenten Autor bittet, das eine, brillant gedachte Stück über das Ereignis zu schreiben, und damit basta?
Samstag. Da putzt man sich ahnungslos die Zähne, um sie der Welt zu zeigen, hört Deutschlandfunk und erstarrt. Ich denke, mich streift ein ICE. Was habe ich gestern geraucht? Aber nein, es ist medienkundig: Franz Müntefering hat Auswüchse des Kapitalismus kritisiert. Ist die SPD doch nicht ganz der Sprachlosigkeit verfallen? Münte & Marx. Radikal chic. Tabuverletzung macht Stimmung. Programmgemäss schicken sich Kapital, Medien und Politik an, leidlich zu toben. Nur, eine «Kapitalismus-Debatte», wie es mancherorts vollmundig heisst, wächst daraus nicht. Zu lange hat die SPD dem Kapital jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Zu lange hat der Kanzler die Menschen mit der Behauptung allein gelassen, gegen die Macht der Wirtschaft könne die Politik nichts mehr ausrichten. Was bei dieser Simulation keinem auffällt: Eigentlich hätten wir Journalisten die Debatte längst führen müssen. Freilich hätten wir recherchieren, lesen, denken, kurzum: uns auf die Wirklichkeit einlassen müssen.
Montag. Nadja Auermann, hören wir, glaube nicht mehr an Märchen. Das ist nicht schlimm. Sie ist eines. Jeder Zeit die Märchen, die sie verdient. Kein Wort mehr über den Mann auf dem Stuhle Petri. Eine katholische Freundin sagt mir: «Zuerst schüttet ihr uns mit Ratzinger bis oben hin zu, als wäre Rom die Welt, dann verliert ihr plötzlich jedes Interesse. Wie soll einen das nicht krank machen?»
Dienstag. Pasolinis «Salò und die 120 Tage von Sodom» gesehen. 30 Jahre ist es her, dass sie ihn am Strand von Ostia erschlagen haben. Ein harter, luzider Film. Sex, Folter, die Banalität des Schrecklichen, die Verfügbarkeit des Menschen für den Menschen. Die Opfer, an Hundeleinen geführt, fressen Scheisse, bevor sie zu Tode gebracht werden. Ein anwesender Schriftsteller schwenkt das Bild eines nackten Gefangenen an der Leine der US-Soldatin L.B. in Abu Ghraib. Es ist dasselbe Bild. Es geschieht jeden Tag in vielen Winkeln der Welt. Aber das Foto zeigt nichts mehr: Wir reden über L.B., ihre Schuld, ihren Prozess, doch der Zusammenhang entschwindet.
Mittwoch. Gerhard Schröder warnt uns Journalisten davor, Politik zu machen. Er geisselt Boulevardisierung, Personalisierung und auch Skandalisierung, alle einfachen Zuspitzungen und «Scheinkonflikte», die von der Analyse komplizierter Probleme ablenken. Aha. Man kann den Mann verstehen. Er fürchtet, von einer Koalition aus Bild, Spiegel und FAZ aus dem Amt geschrieben zu werden. Man möchte ihm sogar zustimmen, hätte er nicht Gefallen an dem Satz gefunden, 2006 gehe es für ihn «nur noch um Sieg oder Viktoria». Viktoria heisst seine Tochter.
> Oliver Fahrni ist freier Publizist und Medienökologe.

More articles on the topic