Sie brauchen: Den Scheiss-Detektor

Kolumne Bullshit-Thesen stimmen nur halb und rückblickend nie, der gedruckte Trend ist meistens der von gestern, meint Constantin Seibt.

Kolumne Bullshit-Thesen stimmen nur halb
und rückblickend nie, der gedruckte Trend ist meistens der von gestern.
Dennoch läuft nichts ohne Propaganda – aber mit Gegengift.Wenn ich mich richtig erinnere, Mbwana,
war es Hemingway, der einst schrieb: «The best thing a writer can
achieve is a built-in, shock-proof shit-detector.» Guter Stil ist
weniger eine Frage von Originalität; er ist im Wesentlichen die
Vermeidung von schlechtem. (Wie sonst sollte die oft höchst
durchschnittliche gute Gesellschaft Stil bewahren?) Wie also vermeidet
man Blabla, Peinlichkeiten, Unfug, kurz: Bullshit?
Der gefährlichste Bullshit ist wie immer der nahe liegende: Bullshit,
der vom System gefördert wird. Es sind die Thesen, mit denen Redaktoren
Leser zu kapern glauben. Und mit denen folglich Schreiber Redaktoren
ködern. Es sind:
• Generalthesen: Die Schweiz verfettet, die Welt ist durchökonomisiert,
die Männer müssen/wollen/ sollen Machos/Softies/ Metros/ Übersexuelle
sein, etc.
• Totenschein-Thesen: Das Theater, die Geschichte, die SP-CVP-FDP-SVP,
das Bankgeheimnis, die New Economy ist am Ende, out, war schon immer
tot.
• Messias-Thesen: Doris Leuthard rettet die CVP; Shareholder-Value rettet Aktionärsrechte; Mario Corti rettet die Swissair.
• Mainstream-Empörung: Die Manager, die Beamten, die Politiker, die SVP
und die Weiber: alle eine Bande von Parasiten, Versagern, Schurken.
• Anti-Mainstream-Thesen: Böser Umweltmulti verfolgt guten
Gentech-Professor; Frauen verhindern Karrieren qualifizierter Männer;
die Sozialhilfeempfänger sind die echten Schmarotzer.
Das Praktische daran ist, dass jede These Indizien, Einzelbeispiele,
Statistiken anzieht wie Fliegen. Man muss nur die Gegenindizien,
Gegenbeispiele, Gegenstatistiken weglassen – und fertig ist ein gut
recherchiertes, fakten- und meinungsstarkes Stück Journalismus, das
einen mächtigen Verbündeten hat: die Altpapierabfuhr. Wehe, man würde
Zeitungen, Nachrichtenmagazine und andere Illustrierte mit Verspätung
lesen. Denn stimmen tun Bullshit-Thesen so wie jene der Astrologin
Tessier – alle irgendwie halb und im Rückblick nie. Manager des Monats
sind oft die Gefeuerten im nächsten Jahr; Tote stehen mit
Zombiefilm-Regelmässigkeit wieder auf; Trends sind so gut wie nie
Trends, wenn sie gedruckt sind, sondern Trends von gestern oder nie.
Kurz: Viel ist Betrug. Betrug am Verstand. Und Betrug am Kunden.
Andererseits … Immerhin scheinen die Kunden den Betrug zu wollen:
Redaktoren lesen und kaufen, Leser kaufen und lesen. Warum also nicht
fröhlich mitgurken, Mbwana? Der einzige Grund, warum nicht, hat einen
Vor- und einen Nachnamen: Ihren. Mit möglichst scharf gewürztem
Bullshit herumzudealen wäre eine tolle Sache, wenn man wie ein Rockstar
mit dreissig sterben würde. Aber wenn man sich die etwas älteren
Kollegen ansieht: erwachsene Familienväter, die «Sämi Schmid ist Kult»
texten; dann die kultivierte Resignation der Meinungs-Feuilletonisten,
denen die Welt nicht folgt, die sie nie gesehen haben; oft gewölbte
Herren, die von anderen Schlankheitskuren, Fitness und Härte fordern;
die aggressive Verbitterung der Anti-Mainstream-Jungs, denen die Welt
auch nicht folgt, da sie mieserweise nicht mies genug ist …
Journalisten scheinen so schlecht zu altern wie Prostituierte. Mit wem
im Gewerbe würden Sie freiwillig Körper, Geist, Gesicht tauschen?
Natürlich, Mbwana, wäre es Unfug, sich von jedem Unfug fernzuhalten.
Jungfrauen sollten nicht in Bordellen arbeiten – und auch Sie angeln
Leser und Aufträge mit dem Hinweis, dass in diesem Thema Prominenz,
Skandal, Sex, Trend, Totschlag, News drin sind. Propaganda ist nötig;
man sollte Propaganda machen; aber man sollte nie (nie!) der eigenen
Propaganda glauben. Das Gegengift zu Bullshit heisst Recherche – so
viel Stimmen wie möglich – und Aufrichtigkeit: Halten Sie die Thesen
kühn, Ihr Thema sensationell, aber schreiben Sie nie (nie!) einen Satz,
den Sie nicht glauben. Das ist der beste Scheiss-Detektor, den es gibt.
Waten Sie also, Mbwana, lebenslang durch den Dreck, aber bleiben Sie reinen Herzens dabei.

> Constantin Seibt Kolumnist und (noch) freier Autor.

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