Selbstkannibalisierung und Qualitätszerfall

Das Jahrbuch «Qualität der Medien» zeigt die Schweiz im Spiegel der Medienforschung. Gastkommentar von Stephan Russ-Mohl, Leiter des Europäischen Journalismus-Observatoriums an der Universität Lugano.

Mitten im Sommerloch ereignete sich das Wunder, aber auch dieser Umstand hat ihm nicht zu dem Medienecho verholfen, das es verdient gehabt hätte: Eine Forschergruppe um den Zürcher Mediensoziologen Kurt Imhof hat zum ersten Mal für die Schweiz ein Jahrbuch «Qualität der Medien» vorgelegt. Auf 373 Seiten ist akribisch dokumentiert, wie sich Journalismus und Medien entwickeln.
Den Autoren zufolge sind die Aussichten trübe: Das Internet absorbiert zunehmend die Aufmerksamkeit der jungen Leute – zu Lasten der traditionellen Medien, also der Presse, des Radios und des Fernsehens. Online und offline hat sich eine «Gratiskultur etabliert, die die crossmediale Mehrfachverwertung medialer Inhalte vorantreibt und im Pressesektor einer Selbstkannibalisierung der Bezahlmedien gleichkommt». Inhaltlich betrachtet, seien die Softnews, der Allround-Journalismus und die qualitätsschwachen Medien im Vormarsch. Ausgerechnet «im Zeitalter der Globalisierung schwindet die Weltbeobachtung», das Nationale und vor allem das Regionale würden aufgewertet, «lebensweltliche, beratende und unterhaltende Aspekte» träten in den Vordergrund.
Gewiss, das haben wir auch vorher schon geahnt. Aber jetzt ist es mit Daten und Fakten bestätigt: Die Schweiz ist nicht mehr die «Insel der Seeligen». Vieles liest sich, als würden die Forscher den Niedergang der Medien in den USA beschreiben – und nicht hier bei uns vor der eigenen Haustür.
Die Forschergruppe will den «Qualitätszerfall» der Informationsmedien transparent machen und dazu beitragen, dass der «Wettbewerb um Anzeigen wieder in einen publizistischen Qualitätswettbewerb mündet». Vor allem aber möchte sie endlich eine Plattform für eine «empirisch unterlegte Qualitätsdebatte» schaffen. Das ist ein wichtiger erster Schritt. Wir müssen kontinuierlich erfassen, wie sich die Medien verändern, welche Hypes sie erzeugen und welche Schäden und welchen Nutzen sie stiften. Ohne solch eine jährliche Zustandsbeschreibung, die sich am Vorbild des amerikanischen «Project for Excellence in Journalism» orientiert, stochern Journalisten und Medienmanager bei der Selbstbeobachtung im Nebel.
Vorbildlich ist, dass das Forscherteam seine Arbeit bislang aus einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher Quellen finanziert. Unter den Spendern, die Imhof eingangs im Buch hervorhebt, finden sich indes keine Medienunternehmen – was erkennen lässt, wie wenig man in der Branche daran interessiert ist, sich ernsthaft mit den eigenen Qualitätsproblemen auseinanderzusetzen.
Jetzt gälte es, für den gesamten deutschsprachigen Raum solch eine unabhängige Analyse zu erarbeiten. Hellhörig macht, dass Imhof zufolge für solch ein lebenswichtiges Projekt die üblichen Fonds universitärer Forschungsförderung nicht anzapfbar sind. Es wäre an der Zeit, dass sich diese Förderinstitutionen (SNF in der Schweiz, DFG in Deutschland, FwF in Österreich,), aber auch die wissenschaftlichen Akademien oder die Max-Planck-Gesellschaft um das Thema kümmern.
Erschreckend im Blick auf den Zustand der Öffentlichkeit ist im Übrigen auch, wie selbst auf «seriösen» Websites, zum Beispiel Nzz.ch, in den Leserkommentaren die Studie diskutiert wurde: Da ging es kaum um Befunde, sondern es wurde eher darüber politisiert und polemisiert, wo und wie Imhof im politischen Spektrum einzuordnen sei. Die Absicht ist durchsichtig: Verschubladisiert man ihn nur hinreichend weit links, braucht man sich mit den Erkenntnissen der Forscher ja nicht mehr auseinanderzusetzen. Auch das erinnert mehr an die polarisierende amerikanische Talk-(Un)Kultur als an den herrschaftsfreien Diskurs unter räsonnierenden (Bildungs-)Bürgern, wie ihn sich Habermas dereinst gewünscht hat und wie er in der von Konkordanz geprägten Schweiz lange Zeit zumindest ansatzweise gelang.
Auch die Qualität dieser Debatte zeigt: Es ist bereits fünf nach zwölf. Letztlich geht es bei der Zukunft des Journalismus auch um die Zukunft unserer Demokratie und Gesellschaft.
Die Studie ist im Internet abrufbar: http://jahrbuch.foeg.uzh.ch/Seiten/default.aspx

More articles on the topic