Schutzengel für die Opfer
Kolumne Beim Inzest-Drama von Amstetten sind die Medien einmal mehr doppelt gefordert, als Augenöffner und als Beschützer weiterer potenzieller Opfer.
Kolumne Beim Inzest-Drama von Amstetten sind die Medien einmal mehr doppelt gefordert, als Augenöffner und als Beschützer weiterer potenzieller Opfer.
Aus aller Welt sind sie angereist, die Journalistinnen und Journalisten, die direkt aus Amstetten über den Inzest-Fall berichten sollten. Mit eigenen Leuten vor Ort gewichten die Medien das Ereignis als Katastrophe, als Sensation. Über die offiziellen Informationen hinaus sollen sie jedoch auch Exklusivität bieten. Im Fall Amstetten waren dies die immer gleichen Bilder des Wohnhauses des Täters und der Kleinstadt. Passanten und Verwandte durften ihr Entsetzen und ihre Ahnungslosigkeit formulieren, Amtsträger ihr korrektes Vorgehen über die langen Jahre hinweg bezeugen und zahlreiche Expertinnen und Experten ihre Erklärungsversuche loswerden.Die Medien spielen dabei verschiedene Rollen gleichzeitig: Sie bieten ein Forum der kollektiven Bewältigung, indem sie erzählen und interpretieren, sie befriedigen die Sensationslust, sie informieren und sensibilisieren, und sie verurteilen die Täter zum Schutz der Opfer, nicht nur der heutigen, sondern auch der potenziell zukünftigen. Auf der heiklen Gratwanderung zwischen journalistischer Ethik und kalkuliertem Geschäft geht Ersteres zugunsten von Letzterem jedoch leider zu schnell vergessen.
Auf lange Sicht könne sich niemand dem Ansturm der Medien erwehren, stellt Natascha Kampusch fest. In den acht Jahren, die sie in einem Keller verbrachte, hatte sie nicht nur die Energie zum Überleben, es gelang ihr auch, ihre Persönlichkeit so zu entwickeln, dass sie sich mit grosser Souveränität den Medien stellen konnte. Den Sensationshunger stillte sie kurz nach ihrer Befreiung mit Fernsehinterviews. Den Hunger konnte sie mehrheitlich stillen, obwohl immer wieder weiter spekuliert wird und gelegentlich vertrauliche Informationen selbst aus Polizeiakten nach aussen sickern.
Der offensive Umgang mit den Medien hat sich für Natascha Kampusch als sehr erfolgreich erwiesen. Daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass dieses Vorgehen immer das Beste ist. Auf den Redaktionen sollte man intensiv darüber diskutieren, wie sehr es die Opfer demütigt, wenn sie zur Schau gestellt werden. Das Gebot der Würde verlangt es, die Selbstbestimmung in der neuen Freiheit zu gewährleisten, denn jedes Schicksal ist einzigartig. Das Erfolgsrezept von Natascha Kampusch lässt sich nicht einfach übertragen. Das müssen vor allem auch die Medien respektieren.
Natascha Kampusch hat im Weiteren bewusst das Thema Sex tabuisiert. Das hat sich als sehr weise erwiesen. Die moralische Empörung und die fürsorgliche Anteilnahme kippen schnell in Voyeurismus, wenn die Berichterstattung hier ins Detail geht. Das Geschäft der Pornografie floriert zu einem grossen Teil mit sorgfältigem Ausmalen von Quälereien, die angeblich nicht nur den Verursachern, sondern auch den Opfern Lust bereiten sollen. Auch in allgemein zugänglichen Medien sind diesbezügliche Tabugrenzen massiv gesunken: Kein Fernsehabend vergeht, ohne dass beim Zappen explizite Szenen zu sehen sind. Realität und Fiktion verwischen sich. Die Medien haben hier eine Chance, die Opfer zu schützen, indem sie fortan ihre Intimität und Integrität ernst nehmen.
In Amstetten sollen Journalisten vor Ort mit dem Scheckbuch in der Hand nach Bildern gesucht haben. Für aktuelle Photos der Familienmitglieder soll über eine Million Dollar geboten worden sein. Bis jetzt konnten die Behörden offenbar mit gezielten Informationen die Abschirmung gewährleisten. Die Betreuer der Opfer lieferten mit Schilderungen von Abläufen und Eindrücken Textmaterial für die Medienberichte. Mit Aussagen über die äusserliche Erscheinung der Opfer, über die Art und Weise, wie sie untereinander kommunizieren, und über die Freude des Jüngsten während seiner ersten Autofahrt fanden sie einen guten Mittelweg zwischen Abschirmung und Information. Mit etwas Geschick können die verantwortlichen Behörden die Familie eine Zeit lang schützen, auch gegen jene Medien, die in diesem Fall vor allem eine attraktive Fortsetzungsgeschichte sehen und laufend mit publikationswürdigen Happen gefüttert werden wollen.
Doch hartnäckige Recherchen werden sich die Funktionsträger der mit der Familie konfrontierten Behörden gefallen lassen müssen. Bisher haben sie schnell reagiert und standen Rede und Antwort. Der «gute Eindruck» des «stattlichen Mannes» habe keinen Verdacht aufkommen lassen. Das entspricht ganz sicher ihrer Wahrnehmung. Das Erschrecken ist deshalb umso grösser, wenn das Böse nicht ganz so aussieht, wie wir es uns in unseren Kinderträumen vorgestellt haben. Es trägt leider keine Fratze, hat keine Hörner und keinen Schwanz, dank dem der Satan und seine Belzebuben sich leicht zu erkennen gaben. Auch die Guten laufen nicht mit einem Heiligenschein herum. Trotzdem: Die Medien müssen den Behörden gegenüber unnachgiebig und hart bleiben, aber sie müssen zum Schutz der Opfer wahre Schutzengel sein, die weitere Verletzungen weder zulassen noch verursachen.
Josefa Haas ist Leiterin des Medieninstituts
