SchroBli- statt SoBli-Magazin

Kolumne Der SonntagsBlick hat einen «Leser-Rat» eingerichtet, denn die Zeitung möchte noch besser werden. Wir wären ja bereits zufrieden, wenn Ringiers Sonntagsblatt wieder mittelmässig würde.

Kolumne Der SonntagsBlick hat einen «Leser-Rat» eingerichtet, denn die Zeitung möchte noch besser werden. Wir wären ja bereits zufrieden, wenn Ringiers Sonntagsblatt wieder mittelmässig würde. Nehmen wir einmal das SonntagsBlick-Magazin. Es hat unter der Leitung des neuen Chefredaktors Marc Walder einen Relaunch erlitten, da das alte Heft bei der Werbebranche durchgefallen war. Da gab es zwar immer wieder lesenswerte Reportagen, und ein journalistischer Anspruch war erkennbar. Nun muss das Heft vor allem den Inserenten gefallen. Was aber ist vom Journalismus übrig geblieben? Auf den ersten sechzehn bis zwanzig Seiten so viel wie in der NZZ-Luxusbeilage Z – Die schönen Seiten des Lebens. Also fast nichts. Nur: Was im grossbürgerlichen Salon strahlt, glänzt in der kleinbürgerlichen Stube noch lange nicht. Z hat Stil, ja, führt sogar zu Erkenntnisgewinnen. Immerhin erfahren wir einiges über ausgezeichnetes Handwerk und die wirklich teuren und ausgefallenen Dinge der Warenwelt, über Edelsteine und Gold und Silber. Wir können den Luxus zwar nicht kaufen, aber schön, dass wir ihn einmal anschauen konnten. Und alles auf Hochglanzpapier, ästhetisch sorgfältig gestaltet, in einem grosszügigen Layout.

Das SonntagsBlick-Magazin hingegen erscheint auf dünnem Papier, dafür in einem Layout, das vortäuscht, grosszügig zu sein, aber an die Trophäen-Sammlung in alten Druckersetzkästen erinnert. Und so kommt es, wie es kommen muss: Das Heft hat nichts zu sagen und braucht deshalb Cervelat-Prominenz.
Toni Vescoli etwa, inzwischen rentenberechtigt, darf zur Ankündigung seines neuen Tonträgers die Rubrik «Mein Stil» füllen, zum Beispiel in einem Satz ein Buch vorstellen, eine geschenkte Gitarre zeigen und und und. Schrott und Ramsch anstelle von Gold und Silber, der sich in einem Leben eben angehäuft hat. Die folgenden Rubriken heissen «mode», «beauty», «notizen», «game» und sind thematisch geordnete Kaufempfehlungen, samt Name des Anbieters und Preis. Und der Journalismus? Immerhin ist eine «Redaktorin» für diese Seiten verantwortlich.
Man kann es natürlich auch positiv sehen. Wo es an journalistischer Substanz fehlt, erscheint das Textlein des Blaublut-Experten Helmut-Maria Glogger zu «mein Mann der Woche» – zu Prinz Harry nämlich – als auffällige journalistische Leistung: «Keiner stand im Kampf für Leben, Lieben, Laster und gegen die eigene Leber so seinen Mann wie der Rotschopf aus dem Geschlecht der Windsor-Mountbattens.»
SonntagsBlick-Magazin heissen diese gehefteten Farbblätter, «SchrottBlick-Magazin» wäre zutreffender. Daran ändern auch die folgenden People-Stories im Stil der Schweizer Illustrierten wenig. Selbst eine Reportage über die Arbeiter
im Gotthard-Basistunnel folgt der Grundregel von Ringiers Prominentenblättli: Die Porträtierten müssen in die Kamera lächeln. Dazu stehen ausschliesslich positive Bylines wie etwa: «Die goldene Halskette ist mein Glücksbringer.» Man könnte fast meinen, dass Tunnelarbeiter ihr Geld ohne Schweiss und ohne Staub verdienen – wie Chefredaktoren, wenn sie nicht gerade Tennis oder Golf spielen.
Übrigens: Für den Leser-Rat will der «SchroBli» «nicht etwa Medienprofis, sondern aufmerksame, engagierte Leser.» Merke: Medienprofis lesen weder aufmerksam noch engagiert! Aber was bringt das Engagement den Leser-Rätinnen und -Räten? «Sie lernen die Redaktorinnen und Redaktoren kennen und Chefreaktor Marc Walder (42).» Wir zweifeln nicht daran, dass es Leute gibt, die daran Gefallen finden werden. Und ja, es gebe Gespräche und «auch mal einen gesellschaftlichen Anlass – und natürlich immer Speis und Trank.» Natürlich! Nach dem dritten Cüpli kümmert auch einen Leser-Rat journalistische Qualität nur noch wenig. Seit Informationen zunehmend gratis verbreitet werden, verkaufen Verlage nun eben wieder die Leserinnen und Leser. Manchmal auch für dumm.
 
Hans Stutz ist freier Journalist.
 

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