«Schnell viele Leser»

Jürg Brauchli, die Nummer zwei in Tamedias Unternehmensleitung, zu 20 Minuten

Jürg Brauchli, die Nummer zwei in Tamedias Unternehmensleitung, zu 20 MinutenVon Markus Knöpfli Die Gerüchteküche brodelt: Allenthalben wird über einen möglichen Einstieg von Tamedia bei 20 Minuten spekuliert. Die WerbeWoche sprach deshalb mit Jürg Brauchli, bei Tamedia stellvertretender Vorsitzender der Unternehmensleitung und Leiter Bereich Zeitungen, über die Lage auf dem Gratiszeitungsmarkt.
Bilanz streute kürzlich das Gerücht, wonach Tamedia «eifrig» um die Pendlerzeitung 20 Minuten werbe und sie kaufen wolle. Wie steht es konkret?
Jürg Brauchli: Wir haben gesagt, dass wir uns sowohl den Regionalzeitungs- als auch den Pendlerzeitungsmarkt genauer ansehen wollen.
Was gegenüber 20 Minuten einem Philosophiewechsel gleichkommt angesichts der Abwehrhaltung noch vor zwei Jahren. Hat dies mit dem neuen Vorsitzenden der Unternehmensleitung zu tun?
Brauchli: Das ist nur ein bedingter Philosophiewechsel, der zudem nicht primär auf Martin Kall zurückzuführen ist. Wir müssen den sich verändernden Markt verfolgen, darum hatten wir immer wieder Kontakt mit 20 Minuten und vor eineinhalb Jahren auch mit dessen Mutterhaus Schibsted.
Es wurde beobachtet, dass Martin Kall am Zürcher Theater Spektakel mit Rolf Bollmann, Verlagsleiter von 20 Minuten, ein langes, angeregtes Gespräch führte.
Brauchli: Natürlich, warum sollte er das nicht tun?
Zudem sollen Leute von 20 Minuten in den Tamedia-Chefetagen zu sehen gewesen seien.
Brauchli: Herr Bollmann war kürzlich bei mir, und wir sprachen über Transport und Druck. Wir besorgen ja den Vertrieb für 20 Minuten. 20 Minuten ist zudem eingeschränkt, weil die AZ Medien die Ausgaben Bern und Basel mit einem Umfang von maximal 32 Seiten drucken können. Ich habe also mit Herrn Bollmann wie mit jedem Kunden gesprochen. Ein allfälliger Einstieg bei 20 Minuten war in Gesprächen mit ihm jedoch nie ein Thema.
Aber vielleicht mit dem Verwaltungsrat der 20 Minuten Holding oder mit Schibsted?
Brauchli: Mit Schibsted gab es schon vor der Lancierung von 20 Minuten Kontakte – letztmals vor eineinhalb Jahren.
Wird Tamedia nun neu 20 Minuten drucken?
Brauchli: Nein, ich denke, sie haben bei den AZ Medien längerfristige Verträge.
Wird Tamedia jedoch in die Bresche springen, wenn 20 Minuten einmal über die 32 Seiten hinaus drucken will?
Brauchli: Tamedia verfügt zurzeit nicht über die nötigen Kapazitäten in der Nachproduktion.
Was antworten Sie auf folgende These: Eine Beteiligung bei der 20 Minuten Holding könnte aus zwei Gründen für Tamedia Sinn machen: Erstens könnte so angesichts der Abo- und Leser-Erosion beim Tages-Anzeiger die junge Lesergruppe zumindest unter
das Konzerndach (zurück)geholt werden – was einige Synergiemöglichkeiten eröffnen würde. Zweitens erhielte Tamedia dadurch endlich ein Auslandstandbein, was zudem helfen würde, imagemässig aus Ringiers Schatten zu treten.
Brauchli: Unser Vorsitzender der Unternehmensleitung hat klar gesagt, dass wir den Fokus auf die Schweiz richten. Das Ausland ist momentan kein Thema. Bezüglich Leserzahlen gebe ich Ihnen Recht, alle Pendlerzeitungen generieren schnell viel Leser. Aber wer garantiert uns, dass sie im Markt insgesamt erfolgreich sein werden? Es heisst zum Beispiel, dass Metro Stockholm ein Erfolg sei. Betrachtet man jedoch die offiziellen Zahlen von Metro, dann entstehen Zweifel. Und auch bei Schibsted läuft es zumindest in Oslo und Stockholm relativ schlecht.
20 Minuten Schweiz legt aber im Inseratebereich nach wie vor zu.
Brauchli: Wir sind daran, uns diesen Markt genau anzusehen. Und falls wir zum Schluss kommen, dass er lukrativ ist, werden wir ganz sicher nicht abseits stehen.
Tamedia hält 60 Prozent beim ZürichExpress (ZE), die NZZ 40 Prozent. Gibt es im Vertrag kein Konkurrenzverbot?
Brauchli: Eine Klausel der Vereinbarung besagt, dass sich die Aktionäre nicht an einem Konkurrenzprodukt zum ZE beteiligen oder ein solches lancieren dürfen.
Die 20 Minuten HoldingDie 20 Minuten Holding hält Beteiligungen an Pendlerzeitungsverlagen in der Schweiz (100%), Frankreich (16%) und Spanien (67%). Ab 2004 sind diverse Veränderungen zumindest möglich (WW 25/02): Ein Börsengang, ein (Teil-)Ausstieg der Investoren oder auch das Herauslösen und Verkaufen von einzelnen Holdingteilen – etwa der 20 Minuten Schweiz AG. In jedem Fall aber kann das norwegische Verlagshaus Schibsted ein Vorkaufsrecht ausüben.

More articles on the topic