Sammle Flugzeugabstürze

René Worni windet der Aargauer Zeitung ein Kränzchen.

René Worni windet der Aargauer Zeitung ein Kränzchen.«Im Regionalteil regiert das totale Chaos. Alles ist stets an einem anderen Ort. Und Fehler stören. Sonst bin ich zufrieden», sagt Werner Diebold (72), pensionierter Maurer aus Baden. Konkreter wird Flight Attendant Heike Bösch (37) aus Aarburg: «Wenn ich am Boden bin, lese ich stets AZ. (…) Mir fehlt ein Pendant zum Feuilleton der NZZ.» Schwer tut sich der pensionierte Elektroingenieur Gerhard Krische (74) aus Nussbaumen: «Zweiseitige Berichte mag ich gar nicht. Und weshalb werden Anglizismen verwendet, wenn es einen deutschen Ausdruck gibt?» Und Coiffeuse Vittoria Mastronardi (17) aus Rietheim meint: «Der Auftritt der AZ ist zu jugendlich, ein Hauch NZZ könnte nicht schaden.» (!)  Die Aargauer Zeitung begeht ihr zehnjähriges Bestehen. Im Extrablatt lässt sie sich Publikumsantworten auf die legendäre «Putzfrauenfrage» selbstbewusst gefallen. Zehn Jahre ist für ein Jubiläum eigentlich ein Klacks. Doch Verleger Peter Wanners Flaggschiff, Fusionsprodukt aus Aargauer Tagblatt und Badener Tagblatt, ist seit der Lancierung des Kooperationsmodells Mittelland-Zeitung das Erfolgsmodell im Mediendreieck Basel–Bern–Zürich schlechthin: Die Einbindung der Basellandschaftlichen Zeitung (dank verhandlungstaktischem Vakuum am Rheinknie) ist nur noch das Sahnehäubchen.
Das Jubiläum macht bewusst, wie sich Printmedien und Publikumsgewohnheiten verändern. AZ-Chefredaktor Peter Buri spricht von der neuen Multimedia- und Multitasking-Generation. Mehr Zeitung mit weniger Geld machen, das eine anbieten und das andere nicht lassen, Inhalte multimedial auf vielen Kanälen anbieten, so die Devise des heutigen Multimediaunternehmens.
Doch Inhalt will gepflegt sein. Die Strategie der Kundenorientierung entspringe rein ökonomischem Kalkül, auf das sich Journalismus nicht reduzieren lasse, warnt Medienwissenschaftler Mirko Marr. Doch das Publikumsverhalten bleibt, zum Glück, auch bei der AZ unberechenbar.
Sandra Sollberger (12) aus Unterentfelden sagt: «Ich lese alles über Flugzeugabstürze, schneide die Berichte stets aus. Geflogen bin ich schon, hab aber keine Angst.» Dem will hoffentlich niemand etwas hinzufügen, oder?
René Worni, Redaktor

More articles on the topic