Sagen und machen

Der Hype um Social Media führt zu einem Boom bei den entsprechenden Kongressen. Expertenwissen ist gefragt, doch halten die Experten, was die Kongressorganisatoren versprechen? Gastkommentar von Oliver Reichenstein, Informationsarchitekt in Tokio.

Wenn man schaut, wie viele Kongresse zum Thema Internet (oder, wie es in letzter Zeit manchmal heisst: Social Media) stattfinden, und hört, wie sicher die da reden, dann muss man davon ausgehen, dass es mindestens hundertausend Experten gibt, die das Internet voll im Griff haben. Die Wahrheit ist, dass man das Web nicht im Griff haben kann. Würde Heidegger noch leben, dann müsste er das Web das An-und-für-sich-nicht-im-Griff-zu-Habende-Informations-Zeug bezeichnen. Zum Glück lebt der Heidegger nicht mehr, denn an Kongressen wird schon sonst genug von Leuten, die nichts anderes machen als reden, hoch gestochen und gestapelt. Weil ich nun ja selber zu diesen Kongressen eingeladen werde (und je länger je mehr auch selbst einen ziemlichen Mist erzähle), bin ich in der Lage, ein Paar Tipps zu geben, wie man leere Vorträge vermeidet:
Bevor man hingeht, gucken, was die Redner bisher geleistet haben. Ich hör mir Leute, die über Web-Design sprechen, selber aber nichts Überzeugendes gemacht haben, erst gar nicht an. Nichts geleistet – nichts zu sagen. Es gibt keine Theorie ohne Praxis. Und es gibt sicher keine theoretischen Experten in der praktischen Disziplin User Experience Design.
Hier mein Telegramm an die, die nun den Kopf schütteln: Nicht jeder, der Auto fährt, ist ein Ingenieur. Stop. Wer kein Internet macht, weiss nicht, wie man Internet macht. Stop. Wer nur seine eigene Meinung kennt, ist ein User. Stop. Theorie ohne Praxis ist Spekulation. Stop.
Zentral ist, dass man sich bei der Beurteilung der Speaker nicht von Namen, Alter oder irgendwelchen Design-Medaillen blenden lässt. Es spielt keine Rolle wie viele tolle Bücher die Frau Professor geschrieben, in wie vielen Artikeln der Social-Media-Onkel zitiert oder wie viele Twitter-Follower der New-Media-Rockstar sich eramüsiert hat. (Und nur damit das klar ist: Medaillen gibt es im Web-Design keine.) Der einzige Internet-Experten-Relevanzfaktor, der immun gegen alle Angeberei ist, ist Google Analytics. Was einer wirklich geleistet hat und wie die Arbeit aufgenommen wurde, zeigen die Statistiken. Jedwede ADC-, Webby, Cannes-Lions-Preisli sind im Internet – noch mehr als sonst – vollkommener Humbug. (Wer glaubt, ADC-Preise hätten noch irgendeine Relevanz: Hände hoch, und keine Bewegung!) Auch vom Rednerpult aus würden die Kongresse interessanter, wenn weniger Leute hingingen. Nichts ist deprimierender, als in ein gähnendes Publikum reinzusprechen. Anders gesagt: Nutzt das Internet, bevor ihr zu Kongressen geht.

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