Sag mir, wo die Jugend ist
Forschung Der Spartensender Star TV ist mit den Telecontrol-Zahlen unzufrieden. Das TC-Panel erfasse die TV-Nutzung Jugendlicher ungenügend, reklamiert er. Einige Mängel sind unbestritten. Doch der SRG-Forschungsdienst schweigt.
den Telecontrol-Zahlen unzufrieden. Das TC-Panel erfasse die TV-Nutzung
Jugendlicher ungenügend, reklamiert er. Einige Mängel sind
unbestritten. Doch der SRG-Forschungsdienst schweigt.
In der Stube schauen die Eltern
«Benissimo» auf SF 1, zur selben Zeit träumt die 15-jährige Tochter im
Mädchenzimmer im Himmel der MTV-Stars, derweil sich der 17-jährige Sohn
im Bastelraum bei StarTV über neue Kinofilme orientiert. Quizfrage: Was
weist das Telecontrol-System (TC) des SRG-Forschungsdienstes über die
TV-Nutzung in diesem Haushalt aus? Eine Zuschauerin und einen Zuschauer
für SF1. Die parallele TV-Nutzung der Jugendlichen fällt damit unter
den Tisch.
«In etwa 14 Prozent aller Haushalte misst TC tatsächlich auf diese
Weise», sagt Cédric Chollet, Inhaber der Beratungsfirma Chollet
MediaExpert. Er sieht darin einen
Grund, weshalb Sparten- und Jugendsender in der Schweiz bei TC relativ
schlecht abschneiden. Auf den Sachverhalt stiess der Berater, weil er
im Auftrag des Privatsenders Star TV die Relation zwischen dessen
Nutzungszahlen und dem TC-System genauer unter die Lupe nahm. Bei Star
TV ist man seit Jahren mit den erhobenen Werten unzufrieden. 2005 kam
der Spartensender auf eine tägliche Reichweite
von knapp 400000 Personen und wies einen Marktanteil von 0,3 Prozent
aus. Viel zu wenig, ist man bei Star TV überzeugt.
Immerhin, der von Chollet festgestellte Mangel beim TC-Panel wird
andernorts weitgehend bestätigt: Gemäss Establishment Survey, der
jährlichen SRG-Grundlagenforschung, verfügten letztes Jahr 34 Prozent
aller Schweizer Haushalte über mindestens zwei TV-Geräte (siehe
Kasten). Die User Commission TV der Publica Data stellte deshalb im
Dezember fest, dass die so genannten Mehrgerätehaushalte im TC-Panel
mit nur etwa 20 Prozent «deutlich unterrepräsentiert» seien. Doch das
will die Kommission nun ändern. Allen Schwierigkeiten bei der
Rekrutierung zum Trotz verlangt sie, dass die Quote der
Mehrgerätehaushalte bis in drei Jahren dem Plansoll angepasst wird.
Doch Chollet sieht auch einen systemimmanenten Grund, weshalb die
TV-Nutzung Jugendlicher beim TC-System tendenziell zu kurz komme. «Weil
bei der Auswahl der Panelhaushalte das Alter der haushaltführenden
Person das Hauptkriterium darstellt, Jugendliche von 15 und 20 Jahren
aber verhältnismässig selten einem Haushalt vorstehen, sind ältere
Personen im Panel überproportional berücksichtigt», sagt der Berater.
Darum sei dieses Kriterium «ein alter Zopf, der abgeschnitten gehört».
Wie gross die Fehlerquote sein könnte, vermag er nicht zu beziffern.
Und noch einen Mangel führt Chollet an: Das TC-Panel scheine «generell
in einem desolaten Zustand». Zumindest war das 2003 der Fall. Das
glaubt er dem Jahresbericht 2003 der Medienwissenschaftlichen
Kontrollkommission (MWKK) um den Zürcher Professor Heinz Bonfadelli
entnehmen zu können. Im Auftrag des SRG-Forschungsdienstes überprüft
diese jährlich das TC-Panel. Damals stellte die MWKK fest, dass der
vertraglich festgelegte jährliche Austausch von Panelhaushalten nur
ungenügend funktionierte, 26 Prozent der Haushalte waren länger als
vereinbart im Panel. Chollets Fazit: «Die TC-Daten sind nicht mehr
repräsentativ. Das Panel muss überarbeitet und besser gepflegt werden.»
Doch wie steht es heute um das Panel? Chollet liegen dazu keine
aktuellen Informationen vor, weil der SRG-Forschungsdienst (FD) die
aktuelleren MWKK-Berichte nur an die User Commissions herausgibt.
FD-Leiter Manuel Dähler gewährte auch der Werbewoche keinen Einblick in
die vertraulichen Daten. Und zu den von Chollet aufgezeigten Mängeln
nahm er ebenfalls keine Stellung. Weil Star TV nicht den Weg über die
User Commission suche und auch schon mal mit einem Anwalt zu den
Gesprächen mit Publica Data aufkreuze, wolle er sich in dieser Sache
nicht via Werbewoche an Star TV wenden, sagt Dähler.
Markus Knöpfli; Mitarbeit Andreas Panzeri
So funktioniert Telecontrol
Das TC-Gerät ist ein Kleincomputer, der in derzeit 1870 Panelhaushalten
an jedes vorhandene TV- und Videogerät angeschlossen und mit dem
Telefonnetz verbunden wird. Es misst rund um die Uhr in
30-Sekunden-Intervallen alles, was mit dem TV- beziehungsweise
Videogerät geschieht. Die mindestens 15-jährigen Mitglieder des
Panelhaushaltes müssen jeweils mittels Fernbedienung den Beginn und das
Ende ihrer individuellen Sehbeteiligung eingeben. In der Nacht werden
alle Daten vom Zentralcomputer automatisch über das Telefonnetz
abgerufen. (mk)
TV-Nutzung in Mehrgerätehaushalten
Wie viele TV-Geräte stehen in den Schweizer Haushalten? Und wie oft
sehen mehrere Personen gleichzeitig mit ihnen fern? Zu beiden Fragen
gibt es keine abschliessende Antwort. Auch vom Establishment Survey
nicht. Denn die Aussage, dass 2005 34 Prozent aller Haushalte über zwei
oder mehr betriebsbereite TV-Geräte verfügten, berücksichtigt die
konkrete Fragestellung ungenügend. Diese bezieht explizit die TV-Geräte
am Hauptwohnsitz, jene in einer Zweit- oder Ferienwohnung und auch jene
am Arbeitsplatz der haushaltführenden Person mit ein. Somit lässt sich
nicht ableiten, in wie vielen Haushalten mehrere Personen gleichzeitig
auf verschiedenen Geräten fernsehen können (Parallelnutzung).
Mehr Auskunft dazu gibt eine SRG-Studie über die Mediennutzung von
Kindern. Demnach standen 2003 in den eigens befragten 499 Schweizer
Haushalten mit 7- bis 14-jährigen Kindern durchschnittlich 1,1
TV-Geräte. In 18 Prozent der befragten Haushalte hatten die Kinder gar ein
TV-Gerät im eigenen Zimmer stehen.
Offen bleibt darum, ob die Gerätezahl in den Zimmern von Jugendlichen
ab 15 Jahren wesentlich zunimmt – und wie stark sich dieser Unterschied
auf die gesamte TV-Nutzung der 15- bis 49-Jährigen auswirkt. (mk)
