Sack oder Esel?
Gastkommentar Macht das neue Raumkonzept Kleine kaputt? Im Gegenteil, meint René Grossenbacher.
Gastkommentar Macht das neue Raumkonzept Kleine kaputt? Im Gegenteil, meint René Grossenbacher. Zwei Westschweizer Zeitungen (Nouvelliste, Liberté) laufen Sturm gegen das neue Raumkonzept der Wemf. Ginge es nach ihnen, so sollten die 40 Jahre alten WGs bestehen bleiben, obwohl diese mit der Realität schon lange nichts mehr zu tun haben. Mit wenig zimperlichem Vokabular («hirnrissig», «hirnverbrannt», «Hundstage-Projekt» usw.) führt Liberté-Chefredaktor de Diesbach seinen Kampf auch via Werbewoche (19/04). Als vorläufige Höhepunkte der Kampagne registrieren wir Vorstösse der Freiburger Regierung und von welschen Parlamentariern sowie die Forderung nach Verstaatlichung (!) der Wemf. Auch der Journalistenverband Impressum liess sich einspannen und verbreitet in einem Communiqué das Schreckgespenst von drohenden Arbeitsplatzverlusten in kleinen und mittleren Zeitungen. Man reibt sich verwundert die Augen: Was geht hier eigentlich ab?Das neue Raumkonzept ist Resultat einer von Bakom und Wemf gemeinsam finanzierten Studie der Publicom. Diese wurde vor zehn Jahren zum ersten Mal durchgeführt und jetzt auf der Basis neu verfügbarer Daten aktualisiert. Das Raumkonzept existiert also schon seit 1994 und wird seither in der Medienpolitik und -praxis eingesetzt. Bisher ohne jeglichen Protest. Jetzt behaupten die Kritiker, die Einflusszonen ihrer Blätter würden «gravierend» reduziert. Dies weist schon mal auf ein grosses Missverständnis: Es geht bei dem Projekt nicht um die Abgrenzung von verlegerischen Hoheitsgebieten, sondern um die Definition von Kommunikationsräumen und Wirtschaftsgebieten. Das zweistufige Konzept ist für die Wemf grundlegend neu. Die früheren WGs waren für manche Planungszwecke zu grob und reflektierten die Verbreitungsgebiete insbesondere der kleinen und mittleren Zeitungen viel zu schlecht. Dieser Mangel wird durch die Schaffung von Kommunikationsräumen behoben. Die Behauptung, kleinere und mittlere Zeitungen würden durch das neue Konzept benachteiligt, ist also schlicht falsch.
De Diesbach spricht von einem durch die neuen WGs «drastisch» schwindenden Anzeigenmarkt. Genauso gut könnte das Gegenteil behauptet werden. Die einzige Konsequenz, die nämlich mit Sicherheit eintrifft, betrifft die ausgewiesene Reichweite in den definierten Räumen: Wird ein WG kleiner, steigt die Reichweite der regionalen Zeitung. Wird es grösser, sinkt sie. Warum eine Liberté in einem grossen Gebiet mit schwacher Reichweite bessere Chancen im nationalen Werbemarkt haben soll als in einem kleineren Gebiet mit grosser Reichweite, ist deshalb beim besten Willen nicht einzusehen.
Nicht die Wemf definiert die Marktgebiete der Zeitungen, sondern das tun diese selbst, indem sie ihr Versorgungsgebiet publizistisch optimal erschliessen. Gelingt dies, steigen die Leserzahlen, und die Inserenten folgen. Diese werden nämlich kaum so dumm sein, eine starke Zeitung zu übergehen. Warum also die Empörung und die Instrumentalisierung der Politik? Schlägt man vielleicht den Sack und meint damit den Esel?
> René Grossenbacher leitet die Medienforschungsfirma Publicom und ist Architekt des Wemf-Raumkonzepts.
De Diesbach spricht von einem durch die neuen WGs «drastisch» schwindenden Anzeigenmarkt. Genauso gut könnte das Gegenteil behauptet werden. Die einzige Konsequenz, die nämlich mit Sicherheit eintrifft, betrifft die ausgewiesene Reichweite in den definierten Räumen: Wird ein WG kleiner, steigt die Reichweite der regionalen Zeitung. Wird es grösser, sinkt sie. Warum eine Liberté in einem grossen Gebiet mit schwacher Reichweite bessere Chancen im nationalen Werbemarkt haben soll als in einem kleineren Gebiet mit grosser Reichweite, ist deshalb beim besten Willen nicht einzusehen.
Nicht die Wemf definiert die Marktgebiete der Zeitungen, sondern das tun diese selbst, indem sie ihr Versorgungsgebiet publizistisch optimal erschliessen. Gelingt dies, steigen die Leserzahlen, und die Inserenten folgen. Diese werden nämlich kaum so dumm sein, eine starke Zeitung zu übergehen. Warum also die Empörung und die Instrumentalisierung der Politik? Schlägt man vielleicht den Sack und meint damit den Esel?
> René Grossenbacher leitet die Medienforschungsfirma Publicom und ist Architekt des Wemf-Raumkonzepts.
