Qui bono?
Kolumne Oliver Classen über den Antiarmutsaktivisten von U2 und was diesen mit dem Besitzer des Kapitalismus-Zentralorgans Forbes verbindet.
Airs Mitte der 80er-Jahre, ich glaube, es war St. Gallen, wussten wir
sonntags mal wieder nicht wie nach Hause kommen. Also Daumen raus und
rein ins erste Auto, das sich unser erbarmte. Es war irgendeine
Edelkarosse, doch drinnen dröhnte «Sunday Bloody Sunday» von U2, was
mir den (für meine damaligen Begriffe) ekelhaft eleganten Fahrer fast
sympathisch machte. Auch sein bald einsetzender missionarischer
Lobgesang aufs Geldverdienen und –-ausgeben weckten mehr Neugier als
Widerspruch. Denn der Typ glaubte, was er sagte, und das allein schon
wirkte auf mich leidenschaftlichen Skeptiker anziehend.
Als ich 20 Jahre später oder genauer: vor drei Wochen erfuhr, dass
U2-Frontmann Bono sich beim US-Wirtschaftsmagazin Forbes eingekauft
hat, schossen mir reflexartig die Anfangszeilen oben erwähnter
Jugendhymne durch den Kopf: «I can’t believe the news today, I can’t
close my eyes and make it go away.» Der Pop-Politiker, Charity-Gründer
und Afrika-Anwalt als Teilhaber ausgerechnet jenes «capitalist tool»
(Eigenwerbung), dessen Rankings der Reichsten und Mächtigsten Gier,
Neid und den ganzen Geldglamour publizistisch erst salonfähig machten!?
Je näher ich die SDA-Meldung betrachtete, desto weiter schaute sie
zurück.
Die Irritation stieg noch, als wenige Tage darauf ruchbar wurde, dass
der Lederjackendiplomat seine Holding U2 Limited aus dem heimatlichen
Irland nach Holland verlegt hat, wo Einkünfte aus Urheberrechten quasi
steuerfrei sind. Auf dem Hintergrund allerdings, dass Steve Forbes, CEO
des gleichnamigen Medienkonglomerats, in seinen zwei gescheiterten
Bewerbungen um die US-Präsidentschaft jeweils die Vorzüge einer
nationalen «flat tax» pries, liess Bonos Steuerflucht zugleich erste
Berührungspunkte der beiden Antipoden erkennen.
Paul Hewson (alias Bono Vox), dem die Rockbühne als moralische Anstalt
dient, und der Wallstreet-Apostel Steve Forbes sind zwar Männer mit
diametral entgegengesetzten Botschaften. Was sie jedoch eint, ist ihr
Opportunismus beim Schmieden von Koalitionen, die der jeweiligen
Zielerreichung dienlich sind. So suchte Forbes frisches Kapital und
Bono – gemeinsam mit fünf Private-Equity-Partnern – gute Renditen,
zudem aber auch einen weiteren Medienverbündeten im
Aufmerksamkeitskampf gegen Armut und für seine Hilfsorganisation «Data»
(Debt, Aids, Trade, Africa).
Wer wem mehr nutzt, scheint also durchaus berechenbar: Vorausgesetzt,
Forbes floriert weiter und rührt inskünftig die Werbetrommel für Data,
endet die Mésalliance 2:1 für die U2-Ikone. Mit seinem doppelbödigen Investment
riskiert der wendige Weltinnenminister zugleich allerdings sein
gesamtes Glaubwürdigkeitskapital. Und zwar besonders bei
Durchschnittsideologen, die dem Schwarzweissdenken frönen und keine
Grauzonen tolerieren mögen.
Doch genau hier, zwischen den traditionellen Frontlinien, fühlt sich
Bono am wohlsten. Das demonstriert er mit seiner alljährlichen Präsenz
am Davoser Weltwirtschaftsforum, wo er auch Forbes – bezeichnenderweise
Hauptmedienpartner des WEF – kennen und schätzen gelernt hat. «Ich
respektiere Forbes’ konsistente Weltsicht und Werthaltung. Wir werden
viel Spass beim Versuch haben, uns gegenseitig zu überzeugen», liess er
der New York Times von einem seiner Finanzpartner ausrichten.
Für den zur Heuschrecke mutierten Rockstar ist der Glaube an die eigene
Sache also ein Selbstwert. Jetzt weiss ich wenigstens, warum ich dem
Typ auf der Heimfahrt damals ganz gerne gelauscht habe. Heute würde ich
mit einem solchen Überzeugungstäter vielleicht sogar Geschäfte machen.
Und dennoch weiter den Traum träumen, dass Gitarren die Welt verändern
können.
> Oliver Classen ist Pressesprecher der
entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor
arbeitete er als Medienjournalist, u.a. für die Werbewoche.
