Qualität der Medien
Die Schweizer Medienbranche steht unter Druck. Trotz oder gerade wegen der Medienfinanzierungskrise sollen die Medien nun auch nach Qualität bewertet werden. Und die EMEK will die Gelder zur Medienförderung umwälzen. Drei Perspektiven zu Förderung, Herausforderungen und Anforderungen an die Medienbranche.
Der Stifterverein Medienqualität Schweiz will eine Stiftung aufbauen, welche von unabhängiger Seite her regelmässig die 50 reichweitenstärksten überregionalen Schweizer Pressetitel, Newssites und TV- sowie Radioformate bewertet. Es werden drei verschiedene Gesichtspunkte bewertet: organisatorische Voraussetzungen, publizistischer Output und die Wahrnehmung der Stakeholder. Zwei Millionen Franken Stiftungskapital sollen angelegt werden, um das Projekt mindestens für den Zeitraum von drei Jahren zu finanzieren.
Medienqualität: Andreas Durisch
WW: Wie genau soll die Qualität der Medien von einem Rating profitieren??
Andreas Durisch: Einerseits hat die digitale Kommunikation die Businessmodelle sehr stark verändert. Dies hat zu einem Druck auf die traditionellen Abonnements-Zeitungen, aber auch auf Radio und Fernsehen geführt. Das heisst, man muss überall sparen. Andererseits muss man heute anders mit den veränderten Bedingungen arbeiten. Das hat gesamthaft Auswirkungen auf die Qualität. Hinzu kommt, dass das Internet zu mehr Tempo und zu mehr Kanälen führt. Das heisst, wenn heute Informationen rausgehen, die noch nicht überprüft sind, welche vielleicht auch Fakten nicht richtig darstellen – Stichwort Shitstorm –, dann wird diese Information heute viel schneller verbreitet. Darum sagen die Leute, Medienqualität sei wichtiger als je zuvor.
Wer konkret würde danach auf dieses Qualitätsrating als Referenz zugreifen?
Das Rating – mit wissenschaftlichen Methoden erlangt – soll einen leserfreundlichen Überblick bieten über die Medienlandschaft Schweiz. So können Personen im mittleren Management oder auch im Top-Management darauf zugreifen, wenn sie neu in die Schweiz kommen und die Medienlandschaft noch zu wenig oder gar nicht kennen.
Warum gibt die Stiftung das Geld nicht einzelnen Journalisten der 50 wichtigsten Pressetitel und Infogefässe von Radio und TV?
Man will mit der Stiftung Qualität fördern, indem man Qualität auszeichnet. Das Rating soll in dem Sinne auch Ansporn sein für die einzelnen Redaktionen, aber auch für Verlags- und Medienhäuser, dafür zu sorgen, dass ihre wichtigen Sendegefässe und Titel in diesem Rating gut abschneiden. Unserer Stiftung geht es nicht um Subventionierung der Medienbranche. Wir haben eine private Initiative gestartet. Und ich persönlich fände es sehr bedauernswert, wenn Medienförderung zur Staatsaufgabe würde. Das ist aktuell auch die grosse Debatte, dass die Medien, sobald sie staatliche Fördergelder erhalten, mindestens teilweise ihre Unabhängigkeit verlieren. Darum ist es wichtig, dass die Medienqualität von privater Seite her thematisiert und dadurch auch gefördert wird.
Was bringt eine Debatte zur Medienqualität in der Praxis? – Bietet die Studie in einem zweiten Schritt konkrete Lösungsansätze?
Das Ziel des Ratings ist eine Art Auszeichnung im Sinne von «Best Practice» – das Rating soll in dem Sinne beispielgebend sein. Als Qualitätsauszeichnung soll das Rating eine positiv motivierende Wirkung haben. Es geht also nicht um ein Ausbuhen der Schweizer Medienlandschaft, sondern darum aufzuzeigen, wo Qualität zu finden ist. Wie etwa die Gault- Millau-Punkte für Restaurants oder die Michelin-Sterne. Die Qualität der Medien ist systemrelevant für die Qualität der öffentlichen Debatte. Darum ist es ein berechtigtes Anliegen, mit Wissenschaft und Stakeholder zusammenzusitzen und die Frage aufzuwerfen, was Qualität ist und wie sie in der Schweizer Medienlandschaft im Detail wahrgenommen wird. Und dass man nachher den Medienunternehmer und Verlegern auch ein Feedback gibt. Logischerweise kann man danach diskutieren, wie und ob man was verändern kann. Aber ein Rating darf man auf jeden Fall machen.
Wie wollen Sie verhindern, dass ein Qualitätsrating der Stiftung den Druck auf die Journalisten noch mehr erhöht, anstatt eine Motivation für Verlage zur Qualitätssteigerung zu sein?
Diese Problematik kann man leider nicht mit einem Qualitätsrating allein lösen. Das Ranking soll die Verleger motivieren, in die Qualität des Journalismus zu investieren. Das bedeutet konkret, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Qualität möglich ist. Deshalb müssen Journalisten dies nicht als Druckmittel auf die Berichterstattung verstehen, sondern als Motivation, Qualität zu liefern.
Medienfinanzierungskrise: Manuel Puppis

Eine aktuelle Befragung Schweizer Journalisten (durchgeführt vom Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung DCM der Universität Freiburg) hält fest, dass die Medienfinanzierungskrise, ausgelöst durch einen strukturellen Wandel der Medienlandschaft und konjunkturelle Probleme, für die negativen Auswirkungen auf die Medienqualität – auf den Journalismus und die Redaktionen – verantwortlich ist. Professor Manuel Puppis der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg (Forschungsschwerpunkte Mediensystem und Medienpolitik) äussert sich zum Einfluss der Medienfinanzierungskrise:
WW: Wie unabhängig sind Journalisten angesichts der Interessen von Werbekunden, Politik und Eigentümern in der Schweiz?
Manuel Puppis: Grundsätzlich ist es um die Pressefreiheit in der Schweiz gut bestellt – verglichen mit autoritären Systemen sowieso. Aber natürlich gibt es immer wieder Versuche, auf den Journalismus Einfluss zu nehmen. Ein besonders krasser Fall ist sicher die von der Neuenburger Staatsanwaltschaft angeordnete Hausdurchsuchung beim Journalisten Ludovic Rocchi. Entsprechend wichtig ist, dass mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auch eine Möglichkeit besteht, Urteile Schweizer Gerichte weiterzuziehen. Neben Einflussversuchen des Staates ist aber auch an kommerzielle Abhängigkeiten zu denken. Wichtige Werbekunden können im Falle missliebiger Berichterstattung auch einmal Anzeigen stornieren – und gegebenenfalls auch Druck auf Redaktionen ausüben. Unsere Umfrage zeigt, dass die Rücksichtnahme auf Werbekunden in den letzten fünf Jahren tendenziell zugenommen hat. Inhaltlich weniger problematisch ist, dass Werbetreibende natürlich an einem geeigneten Werbeumfeld interessiert sind. Um diesen Wünschen nachzukommen, wurden Ressorts wie Lifestyle oder Reisen kreiert. Und schliesslich zeigt die Umfrage auch, dass über das eigene Haus fast gar nicht kritisch berichtet wird. Die «Schere im Kopf» scheint hier eine wichtige Rolle zu spielen.
Welchen praktischen Nutzen bringt ein Qualitätsrating?
Untersuchungen der Medienqualität helfen sicher dabei, die Debatte über die gesellschaftliche Leistung der Medien am Laufen zu halten und auf Probleme in der Schweizer Medienlandschaft hinzuweisen. Eine Verknüpfung mit strukturellen Fragen – also der Finanzierung von Medienorganisationen und der Medienpolitik – ist zudem sehr sinnvoll, um Ursachen und Lösungsmöglichkeiten für die Medienkrise diskutieren zu können.
Die Medienfinanzierungskrise hat die Arbeitsbedingungen im Journalismus klar verschlechtert. Was kann konkret zur Lösung dieses Problems beitragen?
Unsere Studie zeigt in der Tat, dass Journalisten nur wenig Zeit für Recherchen oder die Pflege ihres Netzwerkes bleibt. Zudem hat sich die Situation in den letzten fünf Jahren vor allem bei den Tageszeitungen deutlich verschlechtert. Je weniger Geld den Redaktionen zur Verfügung steht, desto schwieriger ist es, qualitativ hochwertige und vielfältige journalistische Inhalte zu produzieren. Erstens bedarf es natürlich neuer Geschäftsmodelle, nach denen die Zeitungsbranche auch in allen westlichen Demokratien sucht. Paywalls oder Data Mining können mögliche Einnahmequellen sein, doch ist noch unklar, ob diese wirklich ausreichen werden. Daneben könnte auch über Organisationsformen nachgedacht werden, die den Gewinndruck mindern, etwa Genossenschaften oder Verpflichtungen zur internen Querfinanzierung aus rentablen Geschäftsfeldern wie Online-Kleinanzeigen. Zweitens braucht es journalistische Innovationen und exklusive Inhalte, um die Zahlungsbereitschaft der Leserinnen und Leser zu erhöhen. Drittens halte ich es aber für notwendig, über direkte Medienförderung nachzudenken. Diese führt nicht automatisch in eine Abhängigkeit der Medien vom Staat und sollte unideologisch diskutiert werden. Studien zeigen, dass es beispielsweise in Skandinavien innovative Ideen für die Finanzierung von Journalismus gibt. Diese Förderinstrumente dienen nicht einfach der Strukturerhaltung, sondern beziehen Online-Plattformen explizit mit ein. Zudem stehen Schweden oder Dänemark auch nicht im Verdacht, die Pressefreiheit zu gefährden. In Erhebungen zur Pressefreiheit rangieren diese Länder regelmässig besser als die Schweiz.
Medienförderung: Otfried Jarren

Die EMEK hat bereits Anfang September Vorschläge gemacht, wie Medienförderung in der Schweiz konkret angegangen werden könnte: «Langfristig ist es aus Sicht der EMEK wünschbar, dass der Bund unternehmerische Innovationen im Medienmarkt, herausragende journalistische Projekte und die angewandte Medienforschung fördert. Weil dieser zweite Typ von Förderungsmassnahmen eine staatsferne Organisation voraussetzt, schlägt die EMEK die Gründung einer Stiftung vor. Ein Modell, das sich in verwandten Gebieten in Form der Pro Helvetia (Kultur) und des Schweizerischen Nationalfonds (Forschung) bereits bewährt hat. Mittels dieser Stiftung können, unter massgeblicher Beteiligung der Branche, verschiedene Fördermassnahmen staatsfern umgesetzt werden.» Professor Otfried Jarren, Präsident der eidgenössischen Medienkommission EMEK und Prorektor Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Zürich, begründet den Systemwechsel in der Medienförderung und äussert sich zur Notwendigkeit, branchenintern ein Qualitätslabel zu schaffen und den Weg der Preisabsprache statt der Konkurrenz zu wählen.
WW: Bedeutet eine Umwälzung der Fördergelder nicht auch mehr Druck für die einzelnen Journalisten, Redaktionen oder Verlage?
Otfried Jarren: Das ist eine Diskussion, die wir zu führen haben. Ich sehe aber eher die Chancen: Die Printmedien haben im aktuellen Geschäft weniger Marktchancen denn je. Sie müssen verstärkt Hintergrundfunktionen übernehmen. Die Förderung einer Agentur macht Sinn, weil dann mehr redaktionelle Ressourcen für die Hintergrundberichterstattung, für die Analyse und die Kommentierung eingesetzt werden können. Die Funktion vor allem der Tageszeitungen liegt in der Hintergrundberichterstattung, die der Orientierung dient. Journalismus dort muss stärker wissensbasiert und qualitativ anspruchsvoll sein. Das ist er derzeit ja leider nicht. Von einem breiten und guten Agenturangebot profitieren zudem alle Medien und auch neue Online-Plattformen. Ein gut gemachtes, breit angelegtes Agenturangebot sorgt auch dafür, dass aus allen Landesteilen Berichte bereitgestellt werden können.
Ist ein Qualitätsrating der Medien zusätzlich notwendig?
Ob nun Rating oder Analyse: Die Medienbranche hat einen erheblichen Nachholbedarf bei der Qualitätsentwicklung, bei der Differenzierung von Produkten und bei der Preisgestaltung. Die Zeit der Massenmedien ist allerdings vorbei. Für jeden und jede etwas – das reicht nicht mehr. Produktdifferenzierung tut not. Zudem muss eine adäquate Qualität anhaltend bereitgestellt, also garantiert, werden können. Im Journalismus ist auf der Stufe der Profession wie institutionell das Qualitätsverständnis noch wenig entwickelt. Es gibt, hart gesprochen, kaum noch eine Branche, die sich so wenig um Qualitätsstandards bemüht. Ich will nicht Akkreditierungen oder Zertifizierungen hier das Wort reden – das kommt für den Journalismus für mich auch nicht in Frage. Aber der Journalismus muss zur Kenntnis nehmen, dass die Gesellschaft Ansprüche an ihn hat, und er hat sich mit diesen Ansprüchen auseinanderzusetzen. Das tut der Journalismus, das tut die Branche, klar zu wenig. Die Debatte sollte sachlich geführt werden. Lesen muss man derzeit billige Polemiken – das tut dem Journalismus nicht gut. Die Medienbranche ist eine der wenigen, welche in der Tat keine – oder: zu wenige – Qualitätssignale setzt. Wer seine Leistungen anerkannt haben will und wer dafür Geld verlangt, der muss seine Leistungen und seine Qualität vermitteln. Die Branche tut hier viel zu wenig. Sie war es bislang auch nicht gewohnt, Preise und Leistungen zu kommunizieren und zu begründen. Dieses Defizit rächt sich jetzt. Es ist nun Sache der Branche, über Formen des Qualitätsmanagements nachzudenken und den Dialog über Qualität mit allen Anspruchsgruppen aufzunehmen. Insoweit ist auch im Journalismus die Zeit der «naiven» Produktion vorbei. Es geht um Qualität, die Anerkennung finden muss, und es geht um Objektivität und Glaubwürdigkeit. Hier haben die Medien an Anerkennung eingebüsst. Und die Journalisten müssen lernen, dass das Gesamtprodukt massgeblich ist für die Bewertung wie das Abonnement. Natürlich sind auch «Edelfedern » wichtig und prägend, aber mehr und mehr steht die Gesamtleistung auf dem Prüfstand. Redaktionelle Qualitätsstrategien lassen aber, leider, noch immer auf sich warten.
Warum hat dann die EMEK nicht ein solches Rating gefordert?
Damit hat sich die EMEK nicht befasst. Die EMEK hat dazu keine Position. Persönlich meine ich: Das muss die Branche selber regeln. Anregungen von aussen können dafür hilfreich sein.
Warum ist Förderung der Medien nicht Sache der Branche?
Die Pressemedien wollen und müssen sich auf dem Markt finanzieren. Das können sie aber, wie wir erleben, immer weniger. Deshalb sind die Rahmenbedingungen anzusehen, mit dem Ziel, die Marktchancen für die aktuellen Printmedien zu erhalten – vor allem auch aus demokratiepolitischen Überlegungen heraus. Wir benötigen sicher keinen Heimatschutz. Wir benötigen aber Fördermassnahmen dort, wo die Branche Schwächen hat. Das ist beispielsweise im Bereich Forschung und Entwicklung der Fall. Vor allem die Presseverlage verfügen über kein Forschungs- und Entwicklungs-Know-how. Dies ist aber nötig im Kontext mit digitalen Angeboten. Verlage haben immer sehr viel Geld verdient, und sie haben erfolgreiche neue Angebote oder Anbieter dann imitiert oder aufgekauft. Dieser Ansatz aber hat keine Zukunft. Jetzt geht es um kreative technische wie ökonomische Lösungen, auch um neue Geschäftsmodelle. Hier sind Unterstützung- und Fördermassnahmen für die ganze Branche denkbar. Der Markt verändert sich, mit Google, Twitter oder Netflix treten neue Anbieter und Angebote auf – mit Folgen für die mittelständische Medienindustrie und auch für den Journalismus. Konkurrenz ist gut und nötig. Aber wir müssen auf die Rahmenbedingungen achten, wenn wir ein für staats- wie demokratiepolitische Ziele angemessenes Medienangebot, das zudem mehrsprachig zu sein hat, haben wollen.
Interview: Ursina Maurer
