Pipiglugluschnarchschnarch

Kolumne Heute schütten uns die Mainstream-Medien mit Gossip und simulierter Politik zu. Dagegen hilft nur Medienökologie.

 
Kolumne Heute schütten uns die Mainstream-Medien mit Gossip und simulierter Politik zu. Dagegen hilft nur Medienökologie. 
Er mustert mich im Rückspiegel seines Taxis, blättert in einer Zeitschrift auf dem Beifahrersitz. Schnelle Blickwechsel zwischen Sitz und Rückspiegel. Was ist? Ich bin mir keiner Verfehlung bewusst. Bin nüchtern, gekämmt (soweit), genügend Geld für den Fahrpreis habe ich auch. Jetzt hält er die Werbewoche hoch: «Sie sind der Fahrni!» Diese umwerfende Erkenntnis bezahlt eine Radfahrerin beinahe mit dem Leben. «Ihr Werber hattet auch schon bessere Zeiten», sage ich irritiert. Er: «Taxifahren ist ruhiger.» Nach einer Weile: «Eine Frage hätte ich da: Was um des heiligen Saatchi Willen ist ein Medienökologe?»«Wieso Medienökologe?»
Er reicht die Zeitschrift nach hinten. Tatsächlich. Unter meinem Konterfei steht: «Medienökologe». Aha.
Keine schlechte Idee. Nur: Was ist das? Ökologen verlangen den schonenden Umgang des Menschen mit der Natur. Medienökologen aber wollen den schonenden Umgang mit der menschlichen Natur an sich.
«Das ist gut», sagt er, «und weiter? Was treibt so ein MediÖko?» – Nun, zuerst einmal unterlässt er einiges. Zum Beispiel lässt er Drucksachen links liegen, die Titel tragen wie «nichts.ch», «19 Sekunden» oder «vorgestern». Den Fernseher hat er verschenkt.
«Ist das nicht ein wenig elitär?» – Nein, er schont nur seine knappen Ressourcen an Zeit und Aufmerksamkeit. Denn der Mensch ist eine Fehlkonstruktion. Er reagiert auf Reize. Bekommt er zu viel davon, wird er erst zum Tier, dann zum Kind. Medientechnisch und zivilisationsgeschichtlich sind wir in der Pipiglugluschnarch-Sequenz angelangt. Total infantilisiert, wissen wir nichts mehr über uns. Historiker werden einmal schreiben: Nach der grossen Depression kam die lange Phase der flachen Hirnströme. Was einmal Mensch war, verkam zum Konsumenten. Wunderlich nur, dass Konsument nicht längst ein ultimatives Schimpfwort ist, eine Steigerungsform: Depp, Idiot, Konsument.
«Aber die Information! Was ist mit der Information»?
Wo ist die in den Mainstream-Medien? Eigentlich sollten Medien der demokratischen Ermächtigung des Bürgers dienen, der Selbstbeobachtung der Gesellschaft, der öffentlichen Kontrolle. Heute schütten sie uns mit Gossip und simulierter Politik zu. Arena? Eine akute Gefahr für die Demokratie. Ein Medienökologe hat Zeit und Lust für die Welt. Gewiss, er liest die NZZ – teilweise, die interessanteren Stücke. Auch Le Temps. In den Tagi oder ein Lokalblatt schaut er auch kurz rein, beim Kaffee in der Kneipe. Muss aber nicht sein. Er verpasst wenig. Aber er ist auf diverse Newsletters abonniert. World Radio von BBC ist seine Basis. Überhaupt Radio! Gewisse Blogs und Internetseiten. Er holt sich die interessanten Köpfe ins Haus. Was bei Arte oder sonstwo interessant ist, podcastet er. Er ist in Chatgroups eingeschrieben. Aus einem Blog erfährt er, dass Blocher einen Staatsstreich plant, übermorgen um 16 Uhr 30. Und mit ihm haben 56 andere Qualitäts-User die explosive Nachricht erhalten. Wo bleibt da die medial vermittelte Demokratie?
Das ist der Knackpunkt. Was würde geschehen, stünde die Nachricht heute in der Berner Zeitung? Eben. Medienökologie kann nicht bloss den Gossip-Boykott ausrufen – sie muss neue Medien schaffen. Werbefreie Lokalmedien, scharf recherchierend, in denen die Bürger die Agenda machen. Public Journalism. Nationale Wochenzeitungen mit acht Seiten und fünf exzellent recherchierten Geschichten. Tagesmedien, die nur der Relevanz verschrieben sind. Relevanz ist der Hebel der Sache: Alle gieren nach Erhellung. Wer Relevantes schreibt, wird gelesen. Wir brauchen Bloglisten und Blogfilter. Neue Vertriebskanäle. Cross-Medien. Eine selbstkritische Debatte über Qualität und Öffentlichkeit. «18 Franken 30», sagt der Werber am Steuer, «das Brainstorming geht aufs Haus.»
> Oliver Fahrni ist freier Publizist und Medienökologe.

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