Personalberaterin mit Bauchgefühl

Wer in der Kommunikations-Branche eine neue Stelle sucht, stösst mit grosser Wahrscheinlichkeit irgendwann auf das Personalbüro Werbekraft. Lässt man sich von Sonia Soutter bei der Stellensuche unterstützen, dann hängt eine erfolgreiche Vermittlung vor allem davon ab, ob es menschlich passt. Viele Wechsel wären aber eigentlich gar nicht nötig, findet sie.

Der erste Eindruck zählt. Als gestandene Personalberaterin, die fast täglich fremden Menschen gegenübersitzt, weiss Sonia Soutter das. « Oft ist mir schon klar, wenn ein Kandidat den Raum betritt, ob er in das gesuchte Umfeld passt.» Den Menschen zu spüren, sei eine Gabe, über die man verfügt – oder die einem fehlt. «Lernen kann man das nicht», sagt Soutter mit Nachdruck. Sie hat diese Gabe zu ihrem Geschäftsmodell gemacht.

Die Werbekraft-Inhaberin betritt ihr Sitzungszimmer energisch und ein wenig aufgeregt vor unserem ersten persönlichen Gespräch. Als «Kopf der Woche» ist sie für einmal nicht diejenige, welche die Fragen stellt. Eine ungewohnte Situation für die Personalfachfrau? Nicht unbedingt. Auch ihre zahlreichen Bewerbungsgespräche führt sie ohne vertrautes Schema. Sie operiere nicht mit Standardfragen oder -vorgehensweisen, betont Soutter. «Ich will nicht wissen, was die Person gemacht hat, sondern wer sie ist. Das bedingt, dass ich selber sehr natürlich bin im Gespräch.» Ihr Ziel ist es, das Gegenüber zu erkennen, auf welchem Weg auch immer. «Aufdiese Weise ist jedes Gespräch einzigartig – darum wird es mir auch nie langweilig», fügt Soutter lachend hinzu.

Aussenposition mit Innensicht

Bauchentscheidungen kann man nur seriös fällen, wenn man zuvor ausreichend Informationen und Eindrücke gesammelt hat: Das ist Soutters Ansatz. Es ist ihr wichtig, dass sie den Auftraggeber kennt, das potenzielle Team und den Vorgesetzten gesehen hat, bevor sie ihre Kandidaten zum Gespräch trifft. Bei langjährigen Kunden wisse sie ohnehin, welches Profil passt. «Es gibt Kunden, mit denen ich bereits langjährige Beziehungen pflege und so einen grossen Teil des Teams zusammengeführt habe», sagt Soutter.

Als Personalberaterin kann sie ihre neutrale Aussenposition nutzen: «Meistens hat der Auftraggeber eine klare Vorstellung des gewünschten Profils. Ich schlage dann einen Kandidaten vor, der die Vorstellungen erfüllt, aber auch zwei weitere mit einer ganz anderen Persönlichkeit. Das löst meistens etwas aus.»

Sonia Soutter wusste bereits nach der KV-Lehre, dass sie mit Menschen arbeiten möchte. Die Projektarbeit lag ihr hingegen weniger. Kurz nach der Lehre schaffte sie bei einer kleinen Firma den Einstieg ins Personalwesen. Mit 33 Jahren sah sie den Zeitpunkt für ihren zweiten beruflichen Traum gekommen: eine eigene Firma. Gemeinsam mit einer Freundin aus der Werbebranche gründete sie 2000 einen Pool von qualifizierten Freelancern. Mit der Zeit vermittelte Werbekraft
vermehrt auch Festanstellungen, was heute das Kerngeschäft der Personalagentur ist. «Dabei decken wir die gesamte Branche ab, vom Polygrafen bis zum Marketingleiter.» Mittlerweile sind die beiden Firmengründerinnen aus organisatorischen Gründen rechtlich getrennt. Sie agieren heute unter den Namen «Werbekraft Nordost» und «Werbekraft Nordwest».

Coaching: Beratung ohne Ratschlag

Etwas fehlte Soutter beim Recruiting allerdings stets. «Ich hatte mich mit unzähligen Teams auseinandergesetzt und kam je länger je mehr zum Schluss, dass viele Wechsel gar nicht nötig wären.» Neben den fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten sei der Führungsstil des Vorgesetzten der häufigste Grund für einen Wechsel. Auch der Teamzusammenhalt werde oftmals zu wenig gestärkt. Dass die Konstellation des Teams grundsätzlich nicht stimme, sei selten der Fall, findet Soutter.

Vor fünf Jahren absolvierte die Personalfachfrau darum die Ausbildung zum Coach SCA und bietet seit diesem Jahr mit externen Coaches verschiedene Trainings für Führungskräfte und Teams sowie Einzel-Coachings für Kandidaten an. «Führen ist nicht einfach – ich bin auch schon ins Messer gelaufen», sagt sie schmunzelnd. «Es braucht Sicherheit, Know-how und Standhaftigkeit.» Früher habe sie oft Tipps gegeben. «Aber das Gegenüber muss selber auf eine konstruktive Lösung kommen. Nur dann ist es effektiv. Coaching ist Beratung ohne Ratschlag: Das war es, wonach ich gesucht hatte.»

In Team-Coachings lässt sie entsprechend das Team die Lösungen erarbeiten. «So kann man verhindern, dass sie als Vorwurf oder als Verpflichtung verstanden werden. Denn dann geht sofort eine Wand hoch. Es ist erstaunlich, was in einem Coaching alles möglich wird.» Gerne würde Soutter ihre Kunden zukünftig mehr damit unterstützen – und so vielleicht ein paar Stellenwechsel überflüssig machen. Ihr eigenes Herz schlägt bereits fürs Coaching. «Die Psychologie begleitet einen nicht nur durch das Berufsleben, sondern durch sämtliche Lebenssituationen.»

Zum Schluss erkundigt sich Soutter fachgemäss nach dem USP – aber nicht nach meinem, sondern nach ihrem. Mit der Antwort ist sie zufrieden und entlässt mich mit einem herzhaften Lachen in den Nachmittag.

Simone Isliker

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