Perception is reality

Aufgefallen Früher bestimmte das Sein das Bewusstsein. Für Kenneth Angst steht heute der Schein über dem Sein.

Kolumne Früher bestimmte das Sein das Bewusstsein. Für Kenneth Angst steht heute der Schein über dem Sein. Früher war alles eindeutiger und überschaubarer. Denn früher war man einfach, was man war. Respektive was man hatte, konnte, sagte. In altmarxistischer Diktion: Nicht der Schein, sondern das Sein bestimmte das Bewusstsein. Selbst- wie Fremdwahrnehmung wurden diktiert durch die schiere Wirklichkeit, durch nackte Facts & Figures, durch die brutale (Über)Macht des Faktischen. Es war schwierig, sich selbst und andern etwas vorzumachen, sich oder sie zu (ent)täuschen. Eben: Man war, was man war. Nicht weniger, aber leider auch nie mehr.Aus der Übersichtlichkeit haben wir uns längst verabschiedet. Legionen von Journalisten, Werbern, Fotografen, Filmern und PR-Spezialisten führen einen konzertierten Krieg gegen das Diktat der schnöden Wirklichkeit. Realität wird heute nicht mehr einfach hingenommen und abgebildet, sondern kunstvoll selektioniert, interpretiert und inszeniert. «Kommunikationsgesellschaft» bedeutet ja im Kern nichts anderes als «Emanzipation des Scheins vom Sein». Immer mehr ist respektive wird das wahr, was wahrgenommen wird. Oder neudeutsch: Perception is reality!
Mit Lug und Trug hat dieser Fortschritt wenig gemein. Dafür sorgt schon die schiere Vielfalt, Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Informationen über alles und jedes. Unter solchen Bedingungen kann nicht längerfristig manipuliert, verdrängt oder geleugnet werden. Das postmoderne Diktat Perception is reality ist denn auch überaus anspruchsvoll, bedeutet es doch nichts anderes, als dass heute alle Organisationen und deren Repräsentanten darauf angewiesen sind, dass ihnen ihr jeweiliges Umfeld glaubt und vertraut.
Dies geschieht nun aber keineswegs von selbst. Wer heute will, dass man ihm vertraut und in ihn investiert, der muss sich darum kümmern, wie er im relevanten Umfeld wahrgenommen, interpretiert und bewertet wird. Dazu muss man sich zugleich exponieren, positionieren, integrieren und engagieren.
Es gehört zu diesem kommunikativen Eiertanz, dass man dabei Hoffnungen und Sehnsüchte weckt, welche die eigenen Möglichkeiten etwas überziehen. Das ist heute aber nicht nur erlaubt, sondern wird geradezu erwartet. Schliesslich markiert die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit das entscheidende Wesensmerkmal unserer Kommunikationsgesellschaft. Niemals jedoch darf die eigene Wirklichkeit der inszenierten Fremdwahrnehmung offen widersprechen. Wer dies vergisst, stürzt unweigerlich ab, wird bestraft, entzaubert und skandalisiert. So wie früher nicht alles gut, sondern höchstens einfacher war, so ist heute zwar manches besser, aber auch alles komplizierter und riskanter.
> Kenneth Angst war in den Chefredaktionen von NZZ und Weltwoche, bevor er 2002 die Geschäftsführung von Mediapolis Zürich übernahm.

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