Pariser Erzählungen
Kolumne Nicht genug mit Sarkozys Eingriff in Frankreichs TV-Landschaft. Er will auch die internationalen Programme zusammenziehen. Der Schweiz droht der Verlust ihrer globalen TV-Plattform.
Kolumne
Nicht genug mit Sarkozys Eingriff in Frankreichs TV-Landschaft. Er will auch die internationalen Programme zusammenziehen. Der Schweiz droht der Verlust ihrer globalen TV-Plattform.
Noch während seiner Pressekonferenz, in der er die Ernsthaftigkeit seiner Liebe zu Carla Bruni bekräftigte und eine «Politik der Zivilisation» verkündete, schnellten die Aktienkurse der gebeutelten Privatsender in die Höhe: TF1, der grösste kommerzielle TV-Veranstalter Europas, und M6, die französische Bertelsmann-Tochter, legten gegen zehn Prozent zu. Grund der unverhofften Euphorie: Die Aussicht, dass Nicolas Sarkozy den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Werbung entziehen könnte.Besonders krass und dramatisch ist der Fall von TF1. Der Sender von Sarkozys Freund Martin Bouygues hatte noch bis vor kurzem einen Marktanteil von 40 Prozent. Seit der Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens, das auch in Haushalten ohne Kabel und Satellit die Zahl der Programme von 6 auf 20 katapultierte, befindet sich TF1 im Niedergang. Niemand macht ihm den ersten Platz streitig. Aber 30 Prozent Marktanteil, die gegenwärtig erreicht werden, bleiben langfristig schlicht eine Utopie. Die Milchmädchenrechung ist schnell gemacht: Gegen eine Milliarde Werbegelder ziehen die öffentlich-rechtlichen Programme ab. Nur – es ist eine Rechnung ohne den Wirt, denn die Werbebranche geht keineswegs davon aus, dass sie diese Budgets ausschliesslich bei TF1 und Co. investieren wird.
In der Medienlandschaft ist ein Big Bang angesagt. Schon die Vergabe der Fussballrechte für die nächsten Jahre – die Frist für Angebote läuft bis Ende Januar – gerät aus dem Ruder. Kann France 2 überhaupt noch mitbieten? Was sind die Rechte jetzt wert?
Will Sarkozy seinen Freunden, den Besitzern der Medienkonzerne, einen Gefallen tun? Will er die öffentlich-rechtlichen Sender aushöhlen und noch stärker vom Staat abhängig machen?
Von der Abschaffung der Werbung hat bislang die Linke geträumt. Dafür muss die Rechte jetzt eine völlig antiliberale Politik verfolgen und nach Abgaben suchen, mit denen die Verluste relativ schmerzlos kompensiert werden können. Die Telefongesellschaften könnten zusätzlich besteuert werden. Oder die Werbeeinnahmen der Privaten. Oder man verlangt sechs Euro für jeden neuen Fernseher. Sarkozys brüsker Vorstoss hat einen Schock ausgelöst und eine breite Diskussion angeleiert. Das ist das Gute an ihm. Der Markt aber hat seine Antwort bereits gegeben: Tf1 und M6 haben ihre Kursgewinne längst wieder eingebüsst. Denn die Schwächung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens würde wohl auf die Privatisierung eines seiner Programme hinauslaufen – und genau das wollen Sarkozys Freunde, die Medienbosse, am allerwenigsten.
Unbestritten ist hingegen der Sinn einer anderen Reform, die Sarkozy an der gleichen Pressekonferenz verkündet hat: Die internationalen Programme sollen zusammengezogen werden. Dabei handelt es sich um Radio France International, France 24 (den neuen Nachrichtenkanal «French CNN») und den frankophonen Weltsender TV5. Eine bessere Zusammenarbeit mit AFP und unter den einzelnen Redaktionen wäre mehr als vernünftig. Mit Händen und Füssen wehren sich jedenfalls die Partnerländer von TV5, vor allem Frankreich, Kanada und die Schweiz. Sie weigern sich, TV5 einer Holding «France Monde» zu unterwerfen – und das mit jedem Recht. Die Schweiz besitzt etwas weniger als acht Prozent an TV5 und bezahlt jedes Jahr ein paar Millionen. Dafür kann man die Tagesschau des Westschweizer Fernsehens in der ganzen Welt sehen. TV5 ist unsere stärkste Stimme auf dem Planeten, auch wenn man das in der deutschen Schweiz nicht so recht wahrhaben will. Micheline Calmy-Rey hat sich in einem Artikel in Le Monde und in Le Temps heftig gegen die Pariser Ansprüche gewehrt. Sarkozy nahm ihr das, wie Insider berichten, sehr, sehr übel. Doch an seiner Pressekonferenz wurde er wortbrüchig. Dort stellte er alle Zusicherungen, die an einer Konferenz in der Schweiz gemacht wurden, ganz eindeutig in Frage. Auch sein Medienexperte im Elsyee war gekommen. Es geht um die Sichtbarkeit. TV5 hat ein hervorragendes weltweites Vertriebsnetz, auf das France 24 spekuliert.
In diesen Tagen eskaliert der Konflikt. Die Partnerländer – und die Schweiz – drohen, sich ganz von TV5 zurückzuziehen. Sie würden damit auf eine einmalige Plattform verzichten. Doch ohne sie will kaum jemand die «Stimme Frankreichs» hören. Napoleon gegen den Rest der Frankophonie. Doch nur sie kann in ihrer mehrstimmigen Gesamtheit ein Gegenwicht zur angelsächsischen Welt sein. Jetzt steigt sogar der angesehene Aussenminister Bernard Kouchner in die Arena. «Wir machen nichts ohne Euch», schreibt er in Le Monde. Spuckt aber gleichzeitig hohe Töne, die in Brüssel, Genf und Quebec nicht gut ankommen: Frankreich will, schreibt er im Titel, bei der «Erzählung der Welt» wieder die Initiative übernehmen.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf.
Nicht genug mit Sarkozys Eingriff in Frankreichs TV-Landschaft. Er will auch die internationalen Programme zusammenziehen. Der Schweiz droht der Verlust ihrer globalen TV-Plattform.
Noch während seiner Pressekonferenz, in der er die Ernsthaftigkeit seiner Liebe zu Carla Bruni bekräftigte und eine «Politik der Zivilisation» verkündete, schnellten die Aktienkurse der gebeutelten Privatsender in die Höhe: TF1, der grösste kommerzielle TV-Veranstalter Europas, und M6, die französische Bertelsmann-Tochter, legten gegen zehn Prozent zu. Grund der unverhofften Euphorie: Die Aussicht, dass Nicolas Sarkozy den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Werbung entziehen könnte.Besonders krass und dramatisch ist der Fall von TF1. Der Sender von Sarkozys Freund Martin Bouygues hatte noch bis vor kurzem einen Marktanteil von 40 Prozent. Seit der Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens, das auch in Haushalten ohne Kabel und Satellit die Zahl der Programme von 6 auf 20 katapultierte, befindet sich TF1 im Niedergang. Niemand macht ihm den ersten Platz streitig. Aber 30 Prozent Marktanteil, die gegenwärtig erreicht werden, bleiben langfristig schlicht eine Utopie. Die Milchmädchenrechung ist schnell gemacht: Gegen eine Milliarde Werbegelder ziehen die öffentlich-rechtlichen Programme ab. Nur – es ist eine Rechnung ohne den Wirt, denn die Werbebranche geht keineswegs davon aus, dass sie diese Budgets ausschliesslich bei TF1 und Co. investieren wird.
In der Medienlandschaft ist ein Big Bang angesagt. Schon die Vergabe der Fussballrechte für die nächsten Jahre – die Frist für Angebote läuft bis Ende Januar – gerät aus dem Ruder. Kann France 2 überhaupt noch mitbieten? Was sind die Rechte jetzt wert?
Will Sarkozy seinen Freunden, den Besitzern der Medienkonzerne, einen Gefallen tun? Will er die öffentlich-rechtlichen Sender aushöhlen und noch stärker vom Staat abhängig machen?
Von der Abschaffung der Werbung hat bislang die Linke geträumt. Dafür muss die Rechte jetzt eine völlig antiliberale Politik verfolgen und nach Abgaben suchen, mit denen die Verluste relativ schmerzlos kompensiert werden können. Die Telefongesellschaften könnten zusätzlich besteuert werden. Oder die Werbeeinnahmen der Privaten. Oder man verlangt sechs Euro für jeden neuen Fernseher. Sarkozys brüsker Vorstoss hat einen Schock ausgelöst und eine breite Diskussion angeleiert. Das ist das Gute an ihm. Der Markt aber hat seine Antwort bereits gegeben: Tf1 und M6 haben ihre Kursgewinne längst wieder eingebüsst. Denn die Schwächung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens würde wohl auf die Privatisierung eines seiner Programme hinauslaufen – und genau das wollen Sarkozys Freunde, die Medienbosse, am allerwenigsten.
Unbestritten ist hingegen der Sinn einer anderen Reform, die Sarkozy an der gleichen Pressekonferenz verkündet hat: Die internationalen Programme sollen zusammengezogen werden. Dabei handelt es sich um Radio France International, France 24 (den neuen Nachrichtenkanal «French CNN») und den frankophonen Weltsender TV5. Eine bessere Zusammenarbeit mit AFP und unter den einzelnen Redaktionen wäre mehr als vernünftig. Mit Händen und Füssen wehren sich jedenfalls die Partnerländer von TV5, vor allem Frankreich, Kanada und die Schweiz. Sie weigern sich, TV5 einer Holding «France Monde» zu unterwerfen – und das mit jedem Recht. Die Schweiz besitzt etwas weniger als acht Prozent an TV5 und bezahlt jedes Jahr ein paar Millionen. Dafür kann man die Tagesschau des Westschweizer Fernsehens in der ganzen Welt sehen. TV5 ist unsere stärkste Stimme auf dem Planeten, auch wenn man das in der deutschen Schweiz nicht so recht wahrhaben will. Micheline Calmy-Rey hat sich in einem Artikel in Le Monde und in Le Temps heftig gegen die Pariser Ansprüche gewehrt. Sarkozy nahm ihr das, wie Insider berichten, sehr, sehr übel. Doch an seiner Pressekonferenz wurde er wortbrüchig. Dort stellte er alle Zusicherungen, die an einer Konferenz in der Schweiz gemacht wurden, ganz eindeutig in Frage. Auch sein Medienexperte im Elsyee war gekommen. Es geht um die Sichtbarkeit. TV5 hat ein hervorragendes weltweites Vertriebsnetz, auf das France 24 spekuliert.
In diesen Tagen eskaliert der Konflikt. Die Partnerländer – und die Schweiz – drohen, sich ganz von TV5 zurückzuziehen. Sie würden damit auf eine einmalige Plattform verzichten. Doch ohne sie will kaum jemand die «Stimme Frankreichs» hören. Napoleon gegen den Rest der Frankophonie. Doch nur sie kann in ihrer mehrstimmigen Gesamtheit ein Gegenwicht zur angelsächsischen Welt sein. Jetzt steigt sogar der angesehene Aussenminister Bernard Kouchner in die Arena. «Wir machen nichts ohne Euch», schreibt er in Le Monde. Spuckt aber gleichzeitig hohe Töne, die in Brüssel, Genf und Quebec nicht gut ankommen: Frankreich will, schreibt er im Titel, bei der «Erzählung der Welt» wieder die Initiative übernehmen.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf.
