Ohne Sendepause

Kolumne Am Vorabend zum «Tag ohne Sarkozy» ging der Präsident ins Fernsehen: 19 Millionen Zuschauer – aber schon ein bisschen weniger Zustimmung.

Kolumne
Am Vorabend zum «Tag ohne Sarkozy» ging der Präsident ins Fernsehen: 19 Millionen Zuschauer – aber schon ein bisschen weniger Zustimmung.
«Sarkozy und die Medien» ist eine Fortsetzungsgeschichte ohne Ende. Dreimal häufiger als seine Vorgänger taucht der Präsident im Fernsehen auf. Im Internet zirkulieren die Sequenzen, die von den französischen Sendern – den privaten und den öffentlich-rechtlichen – nicht gezeigt werden. Zum Beispiel der Auftritt am G8-Gipfel in Deutschland, wo er bei der Abschlusspressekonferenz ziemlich beschwipst wirkte. Oder wenn er sonst irgendwie die Nerven verliert. Wie im Gespräch mit der Journalistin Lesley Stahl, die ihn vor dem Staatsbesuch in den Vereinigten Staaten für die Sendung «60 Minutes» auf CBS im Elysée interviewte. Es war noch kurz vor der Scheidung, und Lesley Stahl befragte ihn auch nach seiner Frau. Sarkozy stand auf und verliess den Raum, deutlich ist seine letzte Bemerkung «was für ein Vollidiot» zu vernehmen. Er soll damit seinen Medienberater gemeint haben, der den Fragenkatalog respektive die Reporterin nicht im Griff hatte. «What’s the problem?», ruft ihm diese ungläubig nach und kann es nicht fassen. Natürlich hat CBS die Sequenz in voller Länge ausgestrahlt. Und bei YouTube oder DailyMotion haben auch Millionen von Franzosen ihren unbeherrschten Präsidenten gesehen. Im Netz ist Sarko Kult – und hier wird auch wohltuend der Personenkult korrigiert, den die französischen Medien um ihn inszenieren. Und bei dem Sarkozy selber Regie führt.
Die Medienleute müssen seinem Affentempo folgen. Jeden Tag krempelt er sein Programm um, zur Verzweiflung der bei ihm akkreditierten Journalisten. Zahlreiche Medien sahen sich gezwungen, einen zweiten Korrespondenten zu Sarkozy abzukommandieren. Zeit zum Denken, Recherchieren, Vertiefen gibt es kaum noch – und das ist genau die Strategie von Sakozy. Jeden Tag ein Knüller, eine Sensation, ein Auftritt, der das Ereignis vom Vortag als Urgeschichte erscheinen lässt.
Die Nachrichtensender allerdings jubeln: «Er bestreitet das ganze Programm», schwärmt der Chef von LCI: «Dank Sarkozy ist immer was los.» Und es ist billig zu haben. Die Kollegin vom Konkurrenzsender i-télé ist genauso begeistert: «Er ist die permanente Aktualität.» Der Chefkorrespondent von TF1 stöhnt unter der Fülle der attraktiven Bilder, die er gar nicht mehr in der Tagesschau unterbringen kann. Mitterrand, Sozialist, und Chirac, Neugaullist, waren sehr unterschiedliche Personen und Präsidenten. Aber sie hatten erstaunlicherweise den gleichen Medienberater. Dieser predigte die Mässigung, die Verknappung – sie war ganz gewiss ein Garant ihrer erstaunlichen Langlebigkeit. Der Prozess der Verschleissung wurde gebremst.
Sarkozy hingegen praktiziert die permanente Präsenz. Angst, dass seine Omnipräsenz eine Übersättigung bewirken könnte, musste er trotz gelegentlichen Anfällen von Brechreiz, vor denen die Medienkonsumenten nicht verschont blieben, bislang nicht haben. Vielleicht noch nicht. Vielleicht aber auch gilt unter Sarkozy selbst dieses eiserne Mediengesetz schlicht nicht mehr.
Schon im Sommer hatte eine Gruppe von Medienökologen die Idee vom «Tag ohne Sarkozy» in den Medien lanciert – auch ein bisschen als Witz. Auf den 30. November einigte man sich, weil an diesem Tag vor einem Jahr Sarkozy seine Kandidatur angekündigt hatte. Am Vorabend holte der Präsident TF1 und France 2 ins Elysée – 19 Millionen Zuschauer. Niemand weiss, ob sich der Präsident seinerseits einen kleinen Scherz mit seinen Kritikern erlaubte. Es war das erste Mal seit den Streiks, dass er zur Nation sprach. Der «Tag ohne Sarkozy» wurde zum Tag, an dem seine Präsenz einen Spitzenwert erreichte. Keine Zeitung, keine audiovisuelle Anstalt hat den Aufruf respektiert.
Aber er wurde diskutiert. Es gab Berichte über die Initianten. Ansätze zur Selbstreflexion der Journalisten und Medien über ihre Rolle.
Und offenbar sind auch die Franzosen etwas kritischer geworden. Während der Sendung wurde über alle Themen hinweg der Grad der Zustimmung oder Ablehnung gemessen: Sarkozys Rede und Gesten werden skeptischer beurteilt. Für eine massive Gegenreaktion ist es zweifellos zu früh. Doch der Titel, unter dem Le Monde über dieser Erhebung berichtete, spricht Bände. Und deutet an, dass die kritische Selbstreflexion der Medienschaffenden möglicherweise nicht folgenlos blieb: «Kommt Sarkozy am Fernsehen weniger gut an?», fragte die Zeitung. Und konnte es fast nicht glauben. Sarkozy selber hat sich jedenfalls nicht verändert. Vielleicht werden ihm seine Berater nun doch eine Sendepause verordnen – bis die Medien Mangelerscheinungen zeigen.
 Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf.
 

More articles on the topic