Notizen aus der Provinz

Editorial René Worni hat seine Zweifel am Mantra des Tages-Anzeigers.

René Worni hat seine Zweifel am Mantra des
Tages-Anzeigers.Spätestens seit dem Pakt von
PubliGroupe und NZZ vor etwa einem Jahr – der plötzliche Zusammenprall
zweier Unternehmenskulturen ist an der Falkenstrasse übrigens bei
weitem nicht vernarbt – nimmt man wahr, dass der Tages-Anzeiger wachsen
muss. Die aufwändig bestückte Redaktion will finanziert, das
internationale Korrespondentennetz unterhalten und die
30 Prozent Leser ausserhalb des Kantons wollen bedient werden. Für
Chefredaktor Peter Hartmeier das Mantra schlechthin: Der Tagi muss im
Lokalen wachsen, weil er das nur dort kann, um nicht endgültig zur
Regionalzeitung (in der Branche schon längst die gängige Bezeichnung)
abqualifiziert zu werden. Da ist zwar die Expansion des Hauses in
Winterthur und Frauenfeld, da ist der Poker um die PubliGroupe-
Beteiligung von 37 Prozent an der Basler Zeitung, die sowohl an der
Falken- wie auch an der Werdstrasse zuoberst auf der Wunschliste steht.
Doch wie das Tamedia-Flaggschiff draussen in den Zürcher Gemeinden
Anker werfen will, ist bis Redaktionsschluss immer noch gut gehütetes
Geheimnis. Dabei interessieren weniger Zeitpunkt, Anzahl und Standort
denkbarer Tagi-Lokalredaktionen, sondern vielmehr das
publizistische Konzept dahinter. Anders gefragt: Was vermag das Wirken
der ersten Lokalredaktion am linken Seeufer unter Laborbedingungen an
verwertbaren Einsichten zu liefern? Im Blauen Regionalbund des
Mutterblattes sollen die grossen Linien gezeichnet werden, Fluglärm,
die Auswirkungen der Couchepin-Offensive im Gesundheitswesen und so
fort. Doch es liegt in der Natur der Sache, dass Themen im Lokalteil zu
Themen zweiten Grades werden. Das vermag auch eine aufwändige tägliche
Redaktionsdiskussion um die Platzierung der Texte nicht restlos
auszuräumen. Ausserdem beherrschen das die angestammten
Regionalzeitungen weit besser. Eigentlich müsste Tamedia ihr
Einzugsgebiet in kleine Mikrokosmen einteilen und die so entstehenden
kleinen «Jungfrau Zeitungen» vom Mutterschiff trennen und in
die publizistische Unabhängigkeit entlassen.
 

René Worni

More articles on the topic